Die Kinder von Sodom
"Die letzten Wochen waren verdammt
turbulent..." schreibt Kai Löffelbein, als ich auf seine Fotos anspreche. Kein Wunder. Als erster deutscher gewann der Fotograf in diesem Jahr den Preis von UNICEF zum Foto des Jahres. Das Bild zeigt einen Jungen im Agbogsbloshie, einem Außenbezirk von Accra. Er trägt ein FC Barcelona-Jersey und stemmt die Bildröhre eines Fernsehers in die Höhe. Im Hintergrund sieht man dichte schwarze Rauchwolken von brennendem Müll aufsteigen. Vielleicht hat der Junge gerade einen Glücksfund gemacht und mit der Bildröhre einen relativ wertvollen Teil Elektroschrott gefunden. Doch sein Gesichtsausdruck ist gleichgültig. So steht der Junge mit Flip-Flops inmitten einer Müllhalde, atmet giftige Rauchschwaden ein und bring zum Ausdruck, was befremdlicher kaum sein könnte: Das hier ist Alltag.
Dass Agbogsbloshie existiert wissen wir schon lange. Oft wird der Ort einfach nur die "Digitale Müllhalde" genannt, oder auch "Sodom und Gomorrah". Rund 40.000 Menschen leben hier. Die meisten von ihnen wohl nicht trotz sondern wegen des Mülls. Aus dörflichen Gegenden kommen sie, getrieben von der gefühlten Alternativlosigkeit, auf der Suche nach Arbeit. So kommt es, dass die Menschen in eine Sackgasse geraten sind. Der Elektroschrott ist illegal und schadet der Gesundheit der vielen Müllsammler, die oft noch Kinder sind. Doch einfach abschaffen kann man die Müllhalde jetzt auch nicht mehr. Viele tausend Familien stünden plötzlich vollkommen ohne Einkommen dar.
Ein weiteres Bild zeigt einen jungen Mann inmitten ausgewählter Elektroteile. Auf einem Tisch hat er Computer-Tastaturen gestapelt und bietet sie offensichtlich zum Verkauf an. Es sind genau die Tastaturen, die von uns in den Industrienationen kurz zuvor aussortiert worden waren. Zu alt, zu dreckig, nicht mehr modern. Die Existenz von Agbogsbloshie zeigt, wie die Politik an ihre Grenzen stößt. Längst ist der Export von Elektroschrott aus unseren Ländern illegal, doch er findet statt, da auf beiden Seiten Geld damit gemacht werden kann.
Wir sehen die Bilder und können dann doch wieder keinen Bezug zu ihnen aufbauen. Zu weit weg ist Ghana, zu stark ist der Kontrast zu unserer Welt. Doch vielleicht hilft ein kleines Experiment. Das nächste Mal, wenn wir einen Elektro-Großmarkt betreten, einen Saturn, oder einen Media Markt etwa und der mächtigen Vielfalt an Elektroartikeln gegenüberstehen, dann sollten wir uns die Bilder in Erinnerung rufen. Die Bilder der schwarzen Rauchschwaden, die Bilder der barfüßigen Kinder in den Scherbenhaufen. Doch was wir brauchen ist kein Mitleid. Stattdessen müssen wir uns eine einzige Frage ernsthaft stellen: Brauchen wir all das hier wirklich? Wozu?
Text: JLaufs / Fotos © Kai Löffelbein
Datum:
12.1.12
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Kommentar(e)
"Die letzten Wochen waren verdammt
turbulent..." schreibt Kai Löffelbein, als ich auf seine Fotos anspreche. Kein Wunder. Als erster deutscher gewann der Fotograf in diesem Jahr den Preis von UNICEF zum Foto des Jahres. Das Bild zeigt einen Jungen im Agbogsbloshie, einem Außenbezirk von Accra. Er trägt ein FC Barcelona-Jersey und stemmt die Bildröhre eines Fernsehers in die Höhe. Im Hintergrund sieht man dichte schwarze Rauchwolken von brennendem Müll aufsteigen. Vielleicht hat der Junge gerade einen Glücksfund gemacht und mit der Bildröhre einen relativ wertvollen Teil Elektroschrott gefunden. Doch sein Gesichtsausdruck ist gleichgültig. So steht der Junge mit Flip-Flops inmitten einer Müllhalde, atmet giftige Rauchschwaden ein und bring zum Ausdruck, was befremdlicher kaum sein könnte: Das hier ist Alltag.
Dass Agbogsbloshie existiert wissen wir schon lange. Oft wird der Ort einfach nur die "Digitale Müllhalde" genannt, oder auch "Sodom und Gomorrah". Rund 40.000 Menschen leben hier. Die meisten von ihnen wohl nicht trotz sondern wegen des Mülls. Aus dörflichen Gegenden kommen sie, getrieben von der gefühlten Alternativlosigkeit, auf der Suche nach Arbeit. So kommt es, dass die Menschen in eine Sackgasse geraten sind. Der Elektroschrott ist illegal und schadet der Gesundheit der vielen Müllsammler, die oft noch Kinder sind. Doch einfach abschaffen kann man die Müllhalde jetzt auch nicht mehr. Viele tausend Familien stünden plötzlich vollkommen ohne Einkommen dar.
Ein weiteres Bild zeigt einen jungen Mann inmitten ausgewählter Elektroteile. Auf einem Tisch hat er Computer-Tastaturen gestapelt und bietet sie offensichtlich zum Verkauf an. Es sind genau die Tastaturen, die von uns in den Industrienationen kurz zuvor aussortiert worden waren. Zu alt, zu dreckig, nicht mehr modern. Die Existenz von Agbogsbloshie zeigt, wie die Politik an ihre Grenzen stößt. Längst ist der Export von Elektroschrott aus unseren Ländern illegal, doch er findet statt, da auf beiden Seiten Geld damit gemacht werden kann.
Wir sehen die Bilder und können dann doch wieder keinen Bezug zu ihnen aufbauen. Zu weit weg ist Ghana, zu stark ist der Kontrast zu unserer Welt. Doch vielleicht hilft ein kleines Experiment. Das nächste Mal, wenn wir einen Elektro-Großmarkt betreten, einen Saturn, oder einen Media Markt etwa und der mächtigen Vielfalt an Elektroartikeln gegenüberstehen, dann sollten wir uns die Bilder in Erinnerung rufen. Die Bilder der schwarzen Rauchschwaden, die Bilder der barfüßigen Kinder in den Scherbenhaufen. Doch was wir brauchen ist kein Mitleid. Stattdessen müssen wir uns eine einzige Frage ernsthaft stellen: Brauchen wir all das hier wirklich? Wozu?
Text: JLaufs / Fotos © Kai Löffelbein
Die Kinder von Sodom
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Afrika,
Armut,
Ghana,
Menschen,
Verantwortung,
Wirtschaft
Ökonomische Perspektiven für unsere Enkel: Wachstum auf dem Scheitelpunkt
Gesellschaft | Denkanstoß
Es gibt eine Vision. Die von einer Welt ohne Gewinner und Verlierer. Von einer gerechten Welt und allgemeinem Wohlstand. Es ist die Vorstellung einer Welt, die sich auf das Wesentliche besinnt: Zugang zu Lebensraum und Sicherheit. Denn unabhängig davon, wo wir aufgewachsen sind, unabhängig von dem, was wir erlebt haben, im Grunde wollen wir alle nur eines: überleben und das möglichst gut.
Es gibt eine Vision. Die von einer Welt ohne Gewinner und Verlierer. Von einer gerechten Welt und allgemeinem Wohlstand. Es ist die Vorstellung einer Welt, die sich auf das Wesentliche besinnt: Zugang zu Lebensraum und Sicherheit. Denn unabhängig davon, wo wir aufgewachsen sind, unabhängig von dem, was wir erlebt haben, im Grunde wollen wir alle nur eines: überleben und das möglichst gut.
Der Kapitalismus als Instrument
Da wir realisieren müssen, dass wir von diesem Ziel gegenwärtig kaum weiter entfernt sein könnten, gerät der Kapitalismus zusehends unter Beschuss. Doch wird dabei oft das wahre Wesen des Kapitalismus übersehen. Denn dieser ist keineswegs ein allumfassendes System, dem wir alle unterliegen. Vielmehr ist es ein von uns Menschen erdachtes und aufrecht erhaltenes Instrument zur Erreichung unserer Ziele.
Um nicht den Zyklen der Natur zu unterliegen, haben wir uns die Natur zu eigen gemacht. Wir begannen zu jagen und zu sammeln und schließlich damit Pflanzen zu kultivieren und Tiere zu züchten. Es wurde Überschuss produziert und Vorräte angelegt. Zum ersten Mal gab es eine Form von Sicherheit, durch die wir den zyklischen Launen der Natur überlegen waren.
Menschen konnten überleben auch dann, wenn die klimatischen Bedingungen über längere Zeiträume hinweg dafür ungeeignet waren oder wenn die die Jagt einmal nicht erfolgreich war. Auf diese Sicherheit bauend konnte der Mensch sesshaft werden. Seine individuellen Fähigkeiten erkennend, begann er zu handeln. Der Bauer wusste, dass er keine Zeit zum Jagen hatte und der Jäger erkannte, dass ihm die Kenntnisse der Landwirtschaft fehlten. Beide konzentrierten sich voll auf ihre Fähigkeiten, wissend, dass sie einen Überschuss produzieren würden, den sie anschließend einfach tauschen konnten.
Damit dieser Handel auch zeitversetzt und über weite Distanzen funktionieren konnte, wurden Währungen eingeführt. Die ersten Vorläuger von ihnen werden auf das 3. Jahrhundert vor Christus datiert. Das Instrument des Kapitalismus war geschaffen. Es hat sich bisher im Wesen kaum verändert. Noch heute tauschen wir Waren gegen andere Waren oder Bargeld. Doch das Instrument ist zentraler Bestandteil eines ganzen Systems geworden, der Finanzwirtschaft.
Um nicht den Zyklen der Natur zu unterliegen, haben wir uns die Natur zu eigen gemacht. Wir begannen zu jagen und zu sammeln und schließlich damit Pflanzen zu kultivieren und Tiere zu züchten. Es wurde Überschuss produziert und Vorräte angelegt. Zum ersten Mal gab es eine Form von Sicherheit, durch die wir den zyklischen Launen der Natur überlegen waren.
Menschen konnten überleben auch dann, wenn die klimatischen Bedingungen über längere Zeiträume hinweg dafür ungeeignet waren oder wenn die die Jagt einmal nicht erfolgreich war. Auf diese Sicherheit bauend konnte der Mensch sesshaft werden. Seine individuellen Fähigkeiten erkennend, begann er zu handeln. Der Bauer wusste, dass er keine Zeit zum Jagen hatte und der Jäger erkannte, dass ihm die Kenntnisse der Landwirtschaft fehlten. Beide konzentrierten sich voll auf ihre Fähigkeiten, wissend, dass sie einen Überschuss produzieren würden, den sie anschließend einfach tauschen konnten.
Damit dieser Handel auch zeitversetzt und über weite Distanzen funktionieren konnte, wurden Währungen eingeführt. Die ersten Vorläuger von ihnen werden auf das 3. Jahrhundert vor Christus datiert. Das Instrument des Kapitalismus war geschaffen. Es hat sich bisher im Wesen kaum verändert. Noch heute tauschen wir Waren gegen andere Waren oder Bargeld. Doch das Instrument ist zentraler Bestandteil eines ganzen Systems geworden, der Finanzwirtschaft.
Das Streben nach Wachstum
Der Kapitalismus hat somit seinen Zweck erfüllt. Er hat es der Menscheit erstmalig erlaubt, sich über die grundlegenden Gesetze der Natur hinwegzusetzen. Menschen konnten sich niederlassen und darauf vertrauen, dass sie ein wohlhabendes Leben führen würden, solange sie produktiv tätig waren.
Doch für diesen neuen Wohlstand kennzeichnend war, dass man ihn auf der einen Seite gänzlich verlieren und auf der anderen Seite zu seinem individuellen Vorteil ausbauen konnte. Wer also besonders viel produzierte oder besonders gut handelte, konnte sich einer noch größeren Sicherheit und eines noch größeren Wohlstands erfreuen. Die schleichende Erfindung des Kapitalismus als Instrument hat somit zu einem grundlegenden Paradigmenwechsel geführt. Nicht länger trachtete der Mensch nach dem unmittelbaren Überleben, sondern nach Wachstum. Sicherheit versprach das Leben nur dann, wenn man sich und seine Position gegenüber anderen stetig verbesserte. Es reichte nicht länger, einen Platz in der Gesellschaft einzunehmen und die damit verbundenen Aufgaben nach bestem Gewissen zu erledigen. Fortan galt es aufzusteigen, der Mensch definierte sich nicht mehr durch seine Person selbst, sondern durch seine relative Position gegenüber einem immer weiter gefassten Umfeld.
Gleiches galt alsdann auch für Staaten. Nur ständiges Wachstum sollte Stabilität sichern können. Zu Machiavellis Zeiten bedeutete das vor allem die Expansion von Staatsgebieten. Nur so lange, als dass sich Konflikte an den Staatsgrenzen abspielten, konnte innerer Frieden gewahrt werden. Das Wachstumsdogma hat bis heute Bestand. Doch durch den weltweiten Siegeszug der Diplomatie haben sich die Fronten verschoben. Derzeit geht es weniger um die Ausweitung geographischer Grenzen, sondern um Wachstum im ökonomischen Sinne. Nur so lange, wie Ökonomien wachsen, kann bestehender Wohlstand gewahrt werden.
Gleiches galt alsdann auch für Staaten. Nur ständiges Wachstum sollte Stabilität sichern können. Zu Machiavellis Zeiten bedeutete das vor allem die Expansion von Staatsgebieten. Nur so lange, als dass sich Konflikte an den Staatsgrenzen abspielten, konnte innerer Frieden gewahrt werden. Das Wachstumsdogma hat bis heute Bestand. Doch durch den weltweiten Siegeszug der Diplomatie haben sich die Fronten verschoben. Derzeit geht es weniger um die Ausweitung geographischer Grenzen, sondern um Wachstum im ökonomischen Sinne. Nur so lange, wie Ökonomien wachsen, kann bestehender Wohlstand gewahrt werden.
Angekommen auf dem Scheitelpunkt
Die Theorie des wirtschaftlichen Wachstums hat eine langfristige Perspektive. Experten wie Jefferey Sachs vertreten die Meinung, dass Wachstum kein Nullsummenspiel sei. Sprich, wirtschaftliches Wachstum in einem Teil der Erde bedeutet nicht zwangsläufig die Rezession für einen anderen Teil.
In der Tat kann wirtschaftliches Wachstum den allgemeinen Wohlstand verbessern. Das tut es vor allem dann, wenn zuvor ungenutzte Ressourcen aktiviert werden. Ein gutes Beispiel ist Bildung. Erst durch Bildung wird es vielen Menschen ermöglicht, Arbeit aufzunehmen. Brach liegendes Potential wird also aktiviert, aus einem Bedürftigen wird ein Produzent und der allgemeine Wohlstand steigt.
Doch dieses Szenario funktioniert heute nur noch sehr eingeschränkt. Vor allem in entwickelten Ländern, wo Beschäftigungslosigkeit eine nebensächliche Rolle spielt und fast niemand wirklich mittellos sein muss, stößt das Prinzip an seine Grenzen. Entwickelte Ökonomien sind mittlerweile auf einem Scheitelpunkt angelangt. In ihrer Gesamtheit produzieren sie eine solche Vielfalt an Produkten und bieten eine solche Vielfalt an Dienstleistungen, wie sie von den Menschen kaum noch konsumiert werden können. Wachstum bestand bisher darin, dass immer mehr Menschen sich erlauben konnten immer mehr Produkte und Diensleistungen zu konsumieren. Dieses rasante Wachstum entwickelte sich aber ungeachtet der ungleich langsamer verlaufenden Evolution des Menschen. Sprich, die Aufnahmefähigkeiten des Menschen hat sich nicht annähernd so schnell erweitern können, wie die Angebots- und Informationsvielfalt sich entwickelt hat. Der Mensch ist an die Grenzen seiner Aufnahmefähigkeit gestoßen, wirtschaftlich gesehen also an die Grenzen des Wachstums.
Der beste Beweis für die wachsende Diskrepanz zwischen der Aufnahmefähigkeit der Menschen und dem Wachstum der Ökonomien ist die aktuelle Staatsverschuldung vieler entwickelten Staaten. Denn längst ist an jeden Euro Wachstum auch ein Euro Verschuldung gekoppelt. Im Zeitraum von 2000 bis 2006 wuchs das deutsche Bruttoinlandsprodukt um 354 Milliareden Euro, zeitgleich die Verschuldung aber um 342 Milliarden Euro. Das heißt im Klartext, dass es zwar auf dem Papier Wachstum gegeben hat, aber nicht in der Realität. Nicht die Menschen haben mehr Produkte und Dienstleistungen nachgefragt, sondern der Staat durch Aufnahme immer neuer Schulden. Jüngst forderte diese Fehlpolitik der letzten Jahrzente ihre ersten Opfer und wie Dominosteine fielen eine Reihe bisher als stabil geltenden Wirtschaftssysteme in sich zusammen.
Ökonomische Perspektiven für unsere Enkel
Die jüngsten Entwicklungen machen uns deutlich, dass wir zu weit gerannt sind, stetig auf der Suche nach immer neuen Quellen des Wachstums. Dabei ist es ein Wachstum, das wir schon längst gar nicht mehr nötig haben. Vor über 80 Jahren gab sich einer der bekanntesten Ökonomen unserer Zeit als Visionär. John Maynard Keynes schrieb 1930 einen Aufsatz über die "ökonomischen Perspektiven für unsere Enkel". Darin prognostizierte er, dass in etwa einhundert Jahren ein allgemeiner Wohlstand erreicht sein würde, mit dem sich die Menschheit zufrieden geben könne.
Keynes unterschied zwischen Grundbedürfnissen der Menschen und Bedürfnissen, die darüber hinaus gehen. Keynes argumentierte, dass durch den anhaltenden technischen Fortschritt ein Wirtschaftssystem erreicht werden könne, dass von Überfluss gekennzeichnet sei und tatsächliche menschliche Arbeit überflüssig mache. Nur wem es darum ginge mehr als seine überlebenswichtigen Bedürfnisse zu befriedigen und sich in seinem Wohlstand von seinen Mitmenschen deutlich abzusetzen, der müsse weiterhin aktiv daran arbeiten. In einem Anflug von Realismus schob Keynes ein: "[..] we have been trained too long to strive and not to enjoy." Zu lange, also, haben wir Menschen uns daran gewöhnt zu leisten und nicht zu genießen. Auch Keynes sah im Wachstumsprinzip ein Dogma, das nur schwerlich zu überwinden ist.
Die Theorie des wirtschaftlichen Wachstums hat eine langfristige Perspektive. Experten wie Jefferey Sachs vertreten die Meinung, dass Wachstum kein Nullsummenspiel sei. Sprich, wirtschaftliches Wachstum in einem Teil der Erde bedeutet nicht zwangsläufig die Rezession für einen anderen Teil.
In der Tat kann wirtschaftliches Wachstum den allgemeinen Wohlstand verbessern. Das tut es vor allem dann, wenn zuvor ungenutzte Ressourcen aktiviert werden. Ein gutes Beispiel ist Bildung. Erst durch Bildung wird es vielen Menschen ermöglicht, Arbeit aufzunehmen. Brach liegendes Potential wird also aktiviert, aus einem Bedürftigen wird ein Produzent und der allgemeine Wohlstand steigt.
Doch dieses Szenario funktioniert heute nur noch sehr eingeschränkt. Vor allem in entwickelten Ländern, wo Beschäftigungslosigkeit eine nebensächliche Rolle spielt und fast niemand wirklich mittellos sein muss, stößt das Prinzip an seine Grenzen. Entwickelte Ökonomien sind mittlerweile auf einem Scheitelpunkt angelangt. In ihrer Gesamtheit produzieren sie eine solche Vielfalt an Produkten und bieten eine solche Vielfalt an Dienstleistungen, wie sie von den Menschen kaum noch konsumiert werden können. Wachstum bestand bisher darin, dass immer mehr Menschen sich erlauben konnten immer mehr Produkte und Diensleistungen zu konsumieren. Dieses rasante Wachstum entwickelte sich aber ungeachtet der ungleich langsamer verlaufenden Evolution des Menschen. Sprich, die Aufnahmefähigkeiten des Menschen hat sich nicht annähernd so schnell erweitern können, wie die Angebots- und Informationsvielfalt sich entwickelt hat. Der Mensch ist an die Grenzen seiner Aufnahmefähigkeit gestoßen, wirtschaftlich gesehen also an die Grenzen des Wachstums.
Der beste Beweis für die wachsende Diskrepanz zwischen der Aufnahmefähigkeit der Menschen und dem Wachstum der Ökonomien ist die aktuelle Staatsverschuldung vieler entwickelten Staaten. Denn längst ist an jeden Euro Wachstum auch ein Euro Verschuldung gekoppelt. Im Zeitraum von 2000 bis 2006 wuchs das deutsche Bruttoinlandsprodukt um 354 Milliareden Euro, zeitgleich die Verschuldung aber um 342 Milliarden Euro. Das heißt im Klartext, dass es zwar auf dem Papier Wachstum gegeben hat, aber nicht in der Realität. Nicht die Menschen haben mehr Produkte und Dienstleistungen nachgefragt, sondern der Staat durch Aufnahme immer neuer Schulden. Jüngst forderte diese Fehlpolitik der letzten Jahrzente ihre ersten Opfer und wie Dominosteine fielen eine Reihe bisher als stabil geltenden Wirtschaftssysteme in sich zusammen.
Ökonomische Perspektiven für unsere Enkel
Die jüngsten Entwicklungen machen uns deutlich, dass wir zu weit gerannt sind, stetig auf der Suche nach immer neuen Quellen des Wachstums. Dabei ist es ein Wachstum, das wir schon längst gar nicht mehr nötig haben. Vor über 80 Jahren gab sich einer der bekanntesten Ökonomen unserer Zeit als Visionär. John Maynard Keynes schrieb 1930 einen Aufsatz über die "ökonomischen Perspektiven für unsere Enkel". Darin prognostizierte er, dass in etwa einhundert Jahren ein allgemeiner Wohlstand erreicht sein würde, mit dem sich die Menschheit zufrieden geben könne.
Keynes unterschied zwischen Grundbedürfnissen der Menschen und Bedürfnissen, die darüber hinaus gehen. Keynes argumentierte, dass durch den anhaltenden technischen Fortschritt ein Wirtschaftssystem erreicht werden könne, dass von Überfluss gekennzeichnet sei und tatsächliche menschliche Arbeit überflüssig mache. Nur wem es darum ginge mehr als seine überlebenswichtigen Bedürfnisse zu befriedigen und sich in seinem Wohlstand von seinen Mitmenschen deutlich abzusetzen, der müsse weiterhin aktiv daran arbeiten. In einem Anflug von Realismus schob Keynes ein: "[..] we have been trained too long to strive and not to enjoy." Zu lange, also, haben wir Menschen uns daran gewöhnt zu leisten und nicht zu genießen. Auch Keynes sah im Wachstumsprinzip ein Dogma, das nur schwerlich zu überwinden ist.
Eine Welt ohne Wachstumsprinzip
Die Enkel Keynes sind wir. Heute ist klar, dass der Ökonom zu optimistisch gerechnet hatte. Noch ist eine Welt des allgemeinen Wohlstandes nicht in Sicht. Vielmehr teilt sich die Welt in drei Teile auf. In Regionen des Überflusses, wie etwa Europa oder Nordamerika, sich rasant entwickelnde Regionen, wie etwa Teile Asiens und Lateinamerikas und in Regionen der Stagnation, wie weite Teile Afrikas. Ungeachtet der Ursachen dieser Kontraste ist klar, dass wir noch nicht an einem Punkt angelangt sind, für den Keynes prognostizierte, wir könnten uns gemütlich zurücklehnen und höchstens dann arbeiten, wenn wir denn unbedingt eine Beschäftigung bräuchten um glücklich zu sein.
Doch nimmt man die Situation in den wohlhabenden Ländern, zu denen zweifelsohne auch Deutschland gehört, für sich, so wird klar, dass wir den Scheitelpunkt bereits überschritten haben. Schon lange muss es nicht mehr um weiteren Wachstum gehen, sondern um eine bessere Verteilung. Unweigerlich werden wir das in den nächsten Jahrzehnten begreifen. Doch der Paradigmenwechsel wird Zeit in Anspruch nehmen und nicht annähernd so schnell von statten gehen, wie es vielen Systemkritikern heute recht wäre. Allzu gefestigt sind unsere aktuellen Organisations- und Anreizsysteme, die allesamt auf dem Wachstumsprinzip basieren. Es geht um mehr Geld, um mehr Macht und um mehr Ansehen. Nicht um mehr Gerechtigkeit oder mehr Rücksicht. Nur langsam erhalten alternative Faktoren zur Erfolgsmessung Einzug in unsere Gesellschaft.
Im Grunde ist es nicht neu, wenn wir fordern, dass es nicht länger nur noch um Wachstum und Bereicherung gehen darf. Es ist eine Vision, die uns schon lange begleitet. Neu hingegen ist die Vielfalt unserer Möglichkeiten. Ab sofort könnten wir auf weiteren Wachstum in unserer westlichen Welt verzichten ohne dabei wesentlichen Wohlstand einbüßen zu müssen. Dabei geht es aber nicht um die Abschaffung des Kapitalismus. Denn dieser ist ohnehin nicht mehr als ein simples Instrument zur Vereinfachtung des Handels. Es geht darum, wie wir dieses Instrument einsetzen. Wenn wir es schafften, uns auf das Wesentliche zu konzentrieren und auf Übefluss jeder Art zu verzichten, dann würden wir schon bald das erreichen, was Keynes für seine Enkel prognostiziert hatte: Eine Welt des allgemeinen Wohlstandes.
Von der Philosophie zur Realität
Leichtfertig könnte man die Theorie einer neuen, nicht von Wachstum geprägten, Lebensphilosophie als Wunschdenken, ja gar als romantische Utopie abtun. Ängstlich könnte man auch vor einer Wiederauflage des totalitären Sozialismus oder vor allgemeiner Faulheit warnen. Doch es reicht ein Blick in den Spiegel unserer Gesellschaft um zu erkennen, wie falsch wir derzeit mit dem Wunsch nach Wachstum liegen und wie einfach der Verzicht auf ebendiesen wirklich ist. In Selbstreflektion müssen wir erkennen, dass materieller Fortschritt wenig mit Wohlstand zu tun hat.
Nicht selten geben wir unser Geld heute für Trends aus, in denen wenig echter Fortschritt zu erkennen ist. So zahlen wir etwa für den Unterschied zwischen Bildröhre und Flachbildschirm. Für zusätzliche Gigahertz, von denen wir nicht einmal wissen, was sie bedeuten. Für zusätzliche km/h oder Fettreduzierung in fetthaltigen Speisen. Für Moden, die darauf angelegt sind so schnell zu verschwinden, wie sie aufgekommen sind.
Welchen Anteil unseres Gehalts geben wir heute noch für grundlegene Bedürfnisse aus? Einen verschwindend geringen. Ein viel wesentlicher Anteil geht auf Dinge, die wir zwar nicht brauchen, über die wir uns aber definieren wollen. Wann haben wir damit angefangen unser Lebensglück darüber zu definieren, wie gestochen scharf unser Fernsehbilschirm Filme wiedergibt? Der Schlüssel liegt in der Einsicht, dass auch die Generationen vor uns ohne all diese modernen Innovationen gut gelebt haben. Nicht besser, aber eben auch nicht schlechter. (Foto © JLaufs)
Leichtfertig könnte man die Theorie einer neuen, nicht von Wachstum geprägten, Lebensphilosophie als Wunschdenken, ja gar als romantische Utopie abtun. Ängstlich könnte man auch vor einer Wiederauflage des totalitären Sozialismus oder vor allgemeiner Faulheit warnen. Doch es reicht ein Blick in den Spiegel unserer Gesellschaft um zu erkennen, wie falsch wir derzeit mit dem Wunsch nach Wachstum liegen und wie einfach der Verzicht auf ebendiesen wirklich ist. In Selbstreflektion müssen wir erkennen, dass materieller Fortschritt wenig mit Wohlstand zu tun hat.
Nicht selten geben wir unser Geld heute für Trends aus, in denen wenig echter Fortschritt zu erkennen ist. So zahlen wir etwa für den Unterschied zwischen Bildröhre und Flachbildschirm. Für zusätzliche Gigahertz, von denen wir nicht einmal wissen, was sie bedeuten. Für zusätzliche km/h oder Fettreduzierung in fetthaltigen Speisen. Für Moden, die darauf angelegt sind so schnell zu verschwinden, wie sie aufgekommen sind.
Welchen Anteil unseres Gehalts geben wir heute noch für grundlegene Bedürfnisse aus? Einen verschwindend geringen. Ein viel wesentlicher Anteil geht auf Dinge, die wir zwar nicht brauchen, über die wir uns aber definieren wollen. Wann haben wir damit angefangen unser Lebensglück darüber zu definieren, wie gestochen scharf unser Fernsehbilschirm Filme wiedergibt? Der Schlüssel liegt in der Einsicht, dass auch die Generationen vor uns ohne all diese modernen Innovationen gut gelebt haben. Nicht besser, aber eben auch nicht schlechter. (Foto © JLaufs)
Datum:
21.12.11
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Gesellschaft | Denkanstoß
Es gibt eine Vision. Die von einer Welt ohne Gewinner und Verlierer. Von einer gerechten Welt und allgemeinem Wohlstand. Es ist die Vorstellung einer Welt, die sich auf das Wesentliche besinnt: Zugang zu Lebensraum und Sicherheit. Denn unabhängig davon, wo wir aufgewachsen sind, unabhängig von dem, was wir erlebt haben, im Grunde wollen wir alle nur eines: überleben und das möglichst gut.
Es gibt eine Vision. Die von einer Welt ohne Gewinner und Verlierer. Von einer gerechten Welt und allgemeinem Wohlstand. Es ist die Vorstellung einer Welt, die sich auf das Wesentliche besinnt: Zugang zu Lebensraum und Sicherheit. Denn unabhängig davon, wo wir aufgewachsen sind, unabhängig von dem, was wir erlebt haben, im Grunde wollen wir alle nur eines: überleben und das möglichst gut.
Der Kapitalismus als Instrument
Da wir realisieren müssen, dass wir von diesem Ziel gegenwärtig kaum weiter entfernt sein könnten, gerät der Kapitalismus zusehends unter Beschuss. Doch wird dabei oft das wahre Wesen des Kapitalismus übersehen. Denn dieser ist keineswegs ein allumfassendes System, dem wir alle unterliegen. Vielmehr ist es ein von uns Menschen erdachtes und aufrecht erhaltenes Instrument zur Erreichung unserer Ziele.
Um nicht den Zyklen der Natur zu unterliegen, haben wir uns die Natur zu eigen gemacht. Wir begannen zu jagen und zu sammeln und schließlich damit Pflanzen zu kultivieren und Tiere zu züchten. Es wurde Überschuss produziert und Vorräte angelegt. Zum ersten Mal gab es eine Form von Sicherheit, durch die wir den zyklischen Launen der Natur überlegen waren.
Menschen konnten überleben auch dann, wenn die klimatischen Bedingungen über längere Zeiträume hinweg dafür ungeeignet waren oder wenn die die Jagt einmal nicht erfolgreich war. Auf diese Sicherheit bauend konnte der Mensch sesshaft werden. Seine individuellen Fähigkeiten erkennend, begann er zu handeln. Der Bauer wusste, dass er keine Zeit zum Jagen hatte und der Jäger erkannte, dass ihm die Kenntnisse der Landwirtschaft fehlten. Beide konzentrierten sich voll auf ihre Fähigkeiten, wissend, dass sie einen Überschuss produzieren würden, den sie anschließend einfach tauschen konnten.
Damit dieser Handel auch zeitversetzt und über weite Distanzen funktionieren konnte, wurden Währungen eingeführt. Die ersten Vorläuger von ihnen werden auf das 3. Jahrhundert vor Christus datiert. Das Instrument des Kapitalismus war geschaffen. Es hat sich bisher im Wesen kaum verändert. Noch heute tauschen wir Waren gegen andere Waren oder Bargeld. Doch das Instrument ist zentraler Bestandteil eines ganzen Systems geworden, der Finanzwirtschaft.
Um nicht den Zyklen der Natur zu unterliegen, haben wir uns die Natur zu eigen gemacht. Wir begannen zu jagen und zu sammeln und schließlich damit Pflanzen zu kultivieren und Tiere zu züchten. Es wurde Überschuss produziert und Vorräte angelegt. Zum ersten Mal gab es eine Form von Sicherheit, durch die wir den zyklischen Launen der Natur überlegen waren.
Menschen konnten überleben auch dann, wenn die klimatischen Bedingungen über längere Zeiträume hinweg dafür ungeeignet waren oder wenn die die Jagt einmal nicht erfolgreich war. Auf diese Sicherheit bauend konnte der Mensch sesshaft werden. Seine individuellen Fähigkeiten erkennend, begann er zu handeln. Der Bauer wusste, dass er keine Zeit zum Jagen hatte und der Jäger erkannte, dass ihm die Kenntnisse der Landwirtschaft fehlten. Beide konzentrierten sich voll auf ihre Fähigkeiten, wissend, dass sie einen Überschuss produzieren würden, den sie anschließend einfach tauschen konnten.
Damit dieser Handel auch zeitversetzt und über weite Distanzen funktionieren konnte, wurden Währungen eingeführt. Die ersten Vorläuger von ihnen werden auf das 3. Jahrhundert vor Christus datiert. Das Instrument des Kapitalismus war geschaffen. Es hat sich bisher im Wesen kaum verändert. Noch heute tauschen wir Waren gegen andere Waren oder Bargeld. Doch das Instrument ist zentraler Bestandteil eines ganzen Systems geworden, der Finanzwirtschaft.
Das Streben nach Wachstum
Der Kapitalismus hat somit seinen Zweck erfüllt. Er hat es der Menscheit erstmalig erlaubt, sich über die grundlegenden Gesetze der Natur hinwegzusetzen. Menschen konnten sich niederlassen und darauf vertrauen, dass sie ein wohlhabendes Leben führen würden, solange sie produktiv tätig waren.
Doch für diesen neuen Wohlstand kennzeichnend war, dass man ihn auf der einen Seite gänzlich verlieren und auf der anderen Seite zu seinem individuellen Vorteil ausbauen konnte. Wer also besonders viel produzierte oder besonders gut handelte, konnte sich einer noch größeren Sicherheit und eines noch größeren Wohlstands erfreuen. Die schleichende Erfindung des Kapitalismus als Instrument hat somit zu einem grundlegenden Paradigmenwechsel geführt. Nicht länger trachtete der Mensch nach dem unmittelbaren Überleben, sondern nach Wachstum. Sicherheit versprach das Leben nur dann, wenn man sich und seine Position gegenüber anderen stetig verbesserte. Es reichte nicht länger, einen Platz in der Gesellschaft einzunehmen und die damit verbundenen Aufgaben nach bestem Gewissen zu erledigen. Fortan galt es aufzusteigen, der Mensch definierte sich nicht mehr durch seine Person selbst, sondern durch seine relative Position gegenüber einem immer weiter gefassten Umfeld.
Gleiches galt alsdann auch für Staaten. Nur ständiges Wachstum sollte Stabilität sichern können. Zu Machiavellis Zeiten bedeutete das vor allem die Expansion von Staatsgebieten. Nur so lange, als dass sich Konflikte an den Staatsgrenzen abspielten, konnte innerer Frieden gewahrt werden. Das Wachstumsdogma hat bis heute Bestand. Doch durch den weltweiten Siegeszug der Diplomatie haben sich die Fronten verschoben. Derzeit geht es weniger um die Ausweitung geographischer Grenzen, sondern um Wachstum im ökonomischen Sinne. Nur so lange, wie Ökonomien wachsen, kann bestehender Wohlstand gewahrt werden.
Gleiches galt alsdann auch für Staaten. Nur ständiges Wachstum sollte Stabilität sichern können. Zu Machiavellis Zeiten bedeutete das vor allem die Expansion von Staatsgebieten. Nur so lange, als dass sich Konflikte an den Staatsgrenzen abspielten, konnte innerer Frieden gewahrt werden. Das Wachstumsdogma hat bis heute Bestand. Doch durch den weltweiten Siegeszug der Diplomatie haben sich die Fronten verschoben. Derzeit geht es weniger um die Ausweitung geographischer Grenzen, sondern um Wachstum im ökonomischen Sinne. Nur so lange, wie Ökonomien wachsen, kann bestehender Wohlstand gewahrt werden.
Angekommen auf dem Scheitelpunkt
Die Theorie des wirtschaftlichen Wachstums hat eine langfristige Perspektive. Experten wie Jefferey Sachs vertreten die Meinung, dass Wachstum kein Nullsummenspiel sei. Sprich, wirtschaftliches Wachstum in einem Teil der Erde bedeutet nicht zwangsläufig die Rezession für einen anderen Teil.
In der Tat kann wirtschaftliches Wachstum den allgemeinen Wohlstand verbessern. Das tut es vor allem dann, wenn zuvor ungenutzte Ressourcen aktiviert werden. Ein gutes Beispiel ist Bildung. Erst durch Bildung wird es vielen Menschen ermöglicht, Arbeit aufzunehmen. Brach liegendes Potential wird also aktiviert, aus einem Bedürftigen wird ein Produzent und der allgemeine Wohlstand steigt.
Doch dieses Szenario funktioniert heute nur noch sehr eingeschränkt. Vor allem in entwickelten Ländern, wo Beschäftigungslosigkeit eine nebensächliche Rolle spielt und fast niemand wirklich mittellos sein muss, stößt das Prinzip an seine Grenzen. Entwickelte Ökonomien sind mittlerweile auf einem Scheitelpunkt angelangt. In ihrer Gesamtheit produzieren sie eine solche Vielfalt an Produkten und bieten eine solche Vielfalt an Dienstleistungen, wie sie von den Menschen kaum noch konsumiert werden können. Wachstum bestand bisher darin, dass immer mehr Menschen sich erlauben konnten immer mehr Produkte und Diensleistungen zu konsumieren. Dieses rasante Wachstum entwickelte sich aber ungeachtet der ungleich langsamer verlaufenden Evolution des Menschen. Sprich, die Aufnahmefähigkeiten des Menschen hat sich nicht annähernd so schnell erweitern können, wie die Angebots- und Informationsvielfalt sich entwickelt hat. Der Mensch ist an die Grenzen seiner Aufnahmefähigkeit gestoßen, wirtschaftlich gesehen also an die Grenzen des Wachstums.
Der beste Beweis für die wachsende Diskrepanz zwischen der Aufnahmefähigkeit der Menschen und dem Wachstum der Ökonomien ist die aktuelle Staatsverschuldung vieler entwickelten Staaten. Denn längst ist an jeden Euro Wachstum auch ein Euro Verschuldung gekoppelt. Im Zeitraum von 2000 bis 2006 wuchs das deutsche Bruttoinlandsprodukt um 354 Milliareden Euro, zeitgleich die Verschuldung aber um 342 Milliarden Euro. Das heißt im Klartext, dass es zwar auf dem Papier Wachstum gegeben hat, aber nicht in der Realität. Nicht die Menschen haben mehr Produkte und Dienstleistungen nachgefragt, sondern der Staat durch Aufnahme immer neuer Schulden. Jüngst forderte diese Fehlpolitik der letzten Jahrzente ihre ersten Opfer und wie Dominosteine fielen eine Reihe bisher als stabil geltenden Wirtschaftssysteme in sich zusammen.
Ökonomische Perspektiven für unsere Enkel
Die jüngsten Entwicklungen machen uns deutlich, dass wir zu weit gerannt sind, stetig auf der Suche nach immer neuen Quellen des Wachstums. Dabei ist es ein Wachstum, das wir schon längst gar nicht mehr nötig haben. Vor über 80 Jahren gab sich einer der bekanntesten Ökonomen unserer Zeit als Visionär. John Maynard Keynes schrieb 1930 einen Aufsatz über die "ökonomischen Perspektiven für unsere Enkel". Darin prognostizierte er, dass in etwa einhundert Jahren ein allgemeiner Wohlstand erreicht sein würde, mit dem sich die Menschheit zufrieden geben könne.
Keynes unterschied zwischen Grundbedürfnissen der Menschen und Bedürfnissen, die darüber hinaus gehen. Keynes argumentierte, dass durch den anhaltenden technischen Fortschritt ein Wirtschaftssystem erreicht werden könne, dass von Überfluss gekennzeichnet sei und tatsächliche menschliche Arbeit überflüssig mache. Nur wem es darum ginge mehr als seine überlebenswichtigen Bedürfnisse zu befriedigen und sich in seinem Wohlstand von seinen Mitmenschen deutlich abzusetzen, der müsse weiterhin aktiv daran arbeiten. In einem Anflug von Realismus schob Keynes ein: "[..] we have been trained too long to strive and not to enjoy." Zu lange, also, haben wir Menschen uns daran gewöhnt zu leisten und nicht zu genießen. Auch Keynes sah im Wachstumsprinzip ein Dogma, das nur schwerlich zu überwinden ist.
Die Theorie des wirtschaftlichen Wachstums hat eine langfristige Perspektive. Experten wie Jefferey Sachs vertreten die Meinung, dass Wachstum kein Nullsummenspiel sei. Sprich, wirtschaftliches Wachstum in einem Teil der Erde bedeutet nicht zwangsläufig die Rezession für einen anderen Teil.
In der Tat kann wirtschaftliches Wachstum den allgemeinen Wohlstand verbessern. Das tut es vor allem dann, wenn zuvor ungenutzte Ressourcen aktiviert werden. Ein gutes Beispiel ist Bildung. Erst durch Bildung wird es vielen Menschen ermöglicht, Arbeit aufzunehmen. Brach liegendes Potential wird also aktiviert, aus einem Bedürftigen wird ein Produzent und der allgemeine Wohlstand steigt.
Doch dieses Szenario funktioniert heute nur noch sehr eingeschränkt. Vor allem in entwickelten Ländern, wo Beschäftigungslosigkeit eine nebensächliche Rolle spielt und fast niemand wirklich mittellos sein muss, stößt das Prinzip an seine Grenzen. Entwickelte Ökonomien sind mittlerweile auf einem Scheitelpunkt angelangt. In ihrer Gesamtheit produzieren sie eine solche Vielfalt an Produkten und bieten eine solche Vielfalt an Dienstleistungen, wie sie von den Menschen kaum noch konsumiert werden können. Wachstum bestand bisher darin, dass immer mehr Menschen sich erlauben konnten immer mehr Produkte und Diensleistungen zu konsumieren. Dieses rasante Wachstum entwickelte sich aber ungeachtet der ungleich langsamer verlaufenden Evolution des Menschen. Sprich, die Aufnahmefähigkeiten des Menschen hat sich nicht annähernd so schnell erweitern können, wie die Angebots- und Informationsvielfalt sich entwickelt hat. Der Mensch ist an die Grenzen seiner Aufnahmefähigkeit gestoßen, wirtschaftlich gesehen also an die Grenzen des Wachstums.
Der beste Beweis für die wachsende Diskrepanz zwischen der Aufnahmefähigkeit der Menschen und dem Wachstum der Ökonomien ist die aktuelle Staatsverschuldung vieler entwickelten Staaten. Denn längst ist an jeden Euro Wachstum auch ein Euro Verschuldung gekoppelt. Im Zeitraum von 2000 bis 2006 wuchs das deutsche Bruttoinlandsprodukt um 354 Milliareden Euro, zeitgleich die Verschuldung aber um 342 Milliarden Euro. Das heißt im Klartext, dass es zwar auf dem Papier Wachstum gegeben hat, aber nicht in der Realität. Nicht die Menschen haben mehr Produkte und Dienstleistungen nachgefragt, sondern der Staat durch Aufnahme immer neuer Schulden. Jüngst forderte diese Fehlpolitik der letzten Jahrzente ihre ersten Opfer und wie Dominosteine fielen eine Reihe bisher als stabil geltenden Wirtschaftssysteme in sich zusammen.
Ökonomische Perspektiven für unsere Enkel
Die jüngsten Entwicklungen machen uns deutlich, dass wir zu weit gerannt sind, stetig auf der Suche nach immer neuen Quellen des Wachstums. Dabei ist es ein Wachstum, das wir schon längst gar nicht mehr nötig haben. Vor über 80 Jahren gab sich einer der bekanntesten Ökonomen unserer Zeit als Visionär. John Maynard Keynes schrieb 1930 einen Aufsatz über die "ökonomischen Perspektiven für unsere Enkel". Darin prognostizierte er, dass in etwa einhundert Jahren ein allgemeiner Wohlstand erreicht sein würde, mit dem sich die Menschheit zufrieden geben könne.
Keynes unterschied zwischen Grundbedürfnissen der Menschen und Bedürfnissen, die darüber hinaus gehen. Keynes argumentierte, dass durch den anhaltenden technischen Fortschritt ein Wirtschaftssystem erreicht werden könne, dass von Überfluss gekennzeichnet sei und tatsächliche menschliche Arbeit überflüssig mache. Nur wem es darum ginge mehr als seine überlebenswichtigen Bedürfnisse zu befriedigen und sich in seinem Wohlstand von seinen Mitmenschen deutlich abzusetzen, der müsse weiterhin aktiv daran arbeiten. In einem Anflug von Realismus schob Keynes ein: "[..] we have been trained too long to strive and not to enjoy." Zu lange, also, haben wir Menschen uns daran gewöhnt zu leisten und nicht zu genießen. Auch Keynes sah im Wachstumsprinzip ein Dogma, das nur schwerlich zu überwinden ist.
Eine Welt ohne Wachstumsprinzip
Die Enkel Keynes sind wir. Heute ist klar, dass der Ökonom zu optimistisch gerechnet hatte. Noch ist eine Welt des allgemeinen Wohlstandes nicht in Sicht. Vielmehr teilt sich die Welt in drei Teile auf. In Regionen des Überflusses, wie etwa Europa oder Nordamerika, sich rasant entwickelnde Regionen, wie etwa Teile Asiens und Lateinamerikas und in Regionen der Stagnation, wie weite Teile Afrikas. Ungeachtet der Ursachen dieser Kontraste ist klar, dass wir noch nicht an einem Punkt angelangt sind, für den Keynes prognostizierte, wir könnten uns gemütlich zurücklehnen und höchstens dann arbeiten, wenn wir denn unbedingt eine Beschäftigung bräuchten um glücklich zu sein.
Doch nimmt man die Situation in den wohlhabenden Ländern, zu denen zweifelsohne auch Deutschland gehört, für sich, so wird klar, dass wir den Scheitelpunkt bereits überschritten haben. Schon lange muss es nicht mehr um weiteren Wachstum gehen, sondern um eine bessere Verteilung. Unweigerlich werden wir das in den nächsten Jahrzehnten begreifen. Doch der Paradigmenwechsel wird Zeit in Anspruch nehmen und nicht annähernd so schnell von statten gehen, wie es vielen Systemkritikern heute recht wäre. Allzu gefestigt sind unsere aktuellen Organisations- und Anreizsysteme, die allesamt auf dem Wachstumsprinzip basieren. Es geht um mehr Geld, um mehr Macht und um mehr Ansehen. Nicht um mehr Gerechtigkeit oder mehr Rücksicht. Nur langsam erhalten alternative Faktoren zur Erfolgsmessung Einzug in unsere Gesellschaft.
Im Grunde ist es nicht neu, wenn wir fordern, dass es nicht länger nur noch um Wachstum und Bereicherung gehen darf. Es ist eine Vision, die uns schon lange begleitet. Neu hingegen ist die Vielfalt unserer Möglichkeiten. Ab sofort könnten wir auf weiteren Wachstum in unserer westlichen Welt verzichten ohne dabei wesentlichen Wohlstand einbüßen zu müssen. Dabei geht es aber nicht um die Abschaffung des Kapitalismus. Denn dieser ist ohnehin nicht mehr als ein simples Instrument zur Vereinfachtung des Handels. Es geht darum, wie wir dieses Instrument einsetzen. Wenn wir es schafften, uns auf das Wesentliche zu konzentrieren und auf Übefluss jeder Art zu verzichten, dann würden wir schon bald das erreichen, was Keynes für seine Enkel prognostiziert hatte: Eine Welt des allgemeinen Wohlstandes.
Von der Philosophie zur Realität
Leichtfertig könnte man die Theorie einer neuen, nicht von Wachstum geprägten, Lebensphilosophie als Wunschdenken, ja gar als romantische Utopie abtun. Ängstlich könnte man auch vor einer Wiederauflage des totalitären Sozialismus oder vor allgemeiner Faulheit warnen. Doch es reicht ein Blick in den Spiegel unserer Gesellschaft um zu erkennen, wie falsch wir derzeit mit dem Wunsch nach Wachstum liegen und wie einfach der Verzicht auf ebendiesen wirklich ist. In Selbstreflektion müssen wir erkennen, dass materieller Fortschritt wenig mit Wohlstand zu tun hat.
Nicht selten geben wir unser Geld heute für Trends aus, in denen wenig echter Fortschritt zu erkennen ist. So zahlen wir etwa für den Unterschied zwischen Bildröhre und Flachbildschirm. Für zusätzliche Gigahertz, von denen wir nicht einmal wissen, was sie bedeuten. Für zusätzliche km/h oder Fettreduzierung in fetthaltigen Speisen. Für Moden, die darauf angelegt sind so schnell zu verschwinden, wie sie aufgekommen sind.
Welchen Anteil unseres Gehalts geben wir heute noch für grundlegene Bedürfnisse aus? Einen verschwindend geringen. Ein viel wesentlicher Anteil geht auf Dinge, die wir zwar nicht brauchen, über die wir uns aber definieren wollen. Wann haben wir damit angefangen unser Lebensglück darüber zu definieren, wie gestochen scharf unser Fernsehbilschirm Filme wiedergibt? Der Schlüssel liegt in der Einsicht, dass auch die Generationen vor uns ohne all diese modernen Innovationen gut gelebt haben. Nicht besser, aber eben auch nicht schlechter. (Foto © JLaufs)
Leichtfertig könnte man die Theorie einer neuen, nicht von Wachstum geprägten, Lebensphilosophie als Wunschdenken, ja gar als romantische Utopie abtun. Ängstlich könnte man auch vor einer Wiederauflage des totalitären Sozialismus oder vor allgemeiner Faulheit warnen. Doch es reicht ein Blick in den Spiegel unserer Gesellschaft um zu erkennen, wie falsch wir derzeit mit dem Wunsch nach Wachstum liegen und wie einfach der Verzicht auf ebendiesen wirklich ist. In Selbstreflektion müssen wir erkennen, dass materieller Fortschritt wenig mit Wohlstand zu tun hat.
Nicht selten geben wir unser Geld heute für Trends aus, in denen wenig echter Fortschritt zu erkennen ist. So zahlen wir etwa für den Unterschied zwischen Bildröhre und Flachbildschirm. Für zusätzliche Gigahertz, von denen wir nicht einmal wissen, was sie bedeuten. Für zusätzliche km/h oder Fettreduzierung in fetthaltigen Speisen. Für Moden, die darauf angelegt sind so schnell zu verschwinden, wie sie aufgekommen sind.
Welchen Anteil unseres Gehalts geben wir heute noch für grundlegene Bedürfnisse aus? Einen verschwindend geringen. Ein viel wesentlicher Anteil geht auf Dinge, die wir zwar nicht brauchen, über die wir uns aber definieren wollen. Wann haben wir damit angefangen unser Lebensglück darüber zu definieren, wie gestochen scharf unser Fernsehbilschirm Filme wiedergibt? Der Schlüssel liegt in der Einsicht, dass auch die Generationen vor uns ohne all diese modernen Innovationen gut gelebt haben. Nicht besser, aber eben auch nicht schlechter. (Foto © JLaufs)
Ökonomische Perspektiven für unsere Enkel: Wachstum auf dem Scheitelpunkt
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Wahlen in Simbabwe 2012: Tragödie, letzter Akt
Politik | Machtstrukturen
Es ist früher Nachmittag und die Sonne drückt ihr volles Gewicht auf die braune Erde des Zvimba-Distrikts in Rhodesien. Als habe die Hitze auch die letzten Quellen der Energie ausgesaugt, wirkt die Szenerie still wie eine Fotografie. Kaum in Bewegung hat eine kleine Herde Ziegen Schutz im Schatten eines der wenigen Bäume gesucht. Den Rücken an den Baum gelehnt, sitzt ein kleiner Junge inmitten der Herde. Sein Blick fixiert das Buch, das er in seinem Schoß hält. Seiner Umgebung schenkt er kaum Aufmerksamkeit.
Es ist früher Nachmittag und die Sonne drückt ihr volles Gewicht auf die braune Erde des Zvimba-Distrikts in Rhodesien. Als habe die Hitze auch die letzten Quellen der Energie ausgesaugt, wirkt die Szenerie still wie eine Fotografie. Kaum in Bewegung hat eine kleine Herde Ziegen Schutz im Schatten eines der wenigen Bäume gesucht. Den Rücken an den Baum gelehnt, sitzt ein kleiner Junge inmitten der Herde. Sein Blick fixiert das Buch, das er in seinem Schoß hält. Seiner Umgebung schenkt er kaum Aufmerksamkeit.
Es ist das Jahr 1934 und auf den ersten Blick verrät die Situation nicht viel mehr als das Bild eines jungen Ziegenhirten im südlichen Afrika. Aber in diesem Blick sieht der junge auf und lässt seinen Blick über den Horizont schweifen. In seinen Augen liegt der Glanz unersättlichen Eifers. Der Junge verbreitet eine Aura der Entschlossenheit, die ungewöhnlich ist für einen Jungen seines Alters. Während die anderen Jungen im Dorf Fußball spielen, hat er die Einsamkeit gesucht. Tag um Tag wird er hier hinaus kommen, über die Ziegen wachen und Bücher lesen, die ihm mehr bedeuten, als persönliche Beziehungen.
Der Junge ist der zehnjährige Robert Mugabe. Geboren 1924 in einer Jesuitenmission in einem Land, das heute als Simbabwe bekannt ist, wuchs Mugabe in einfachen aber beschützten Verhältnissen auf. Verlassen von seinem Vater, wurde er bald von den lokalen Missionaren in Obhut genommen. Diese ungewöhnliche Konstellation gewährte Mugabe schon früh den Zugang zu Bildung. Wissenshungrig und mit ausgeprägter Selbstdisziplin, lernte Mugabe schneller als andere Kinder. Der irische Priester O´Hea wurde zeitgleich Mentor und Vaterfigur für den jungen Mugabe. Dessen ungewöhnliches Talent sowie seine Fähigkeit Einfluss auf andere Kinder auszuüben erkennend, erzog O`Hea Mugabe schon früh zum Lehrer. Mugabes Mutter versicherte er, ihr Junge sei anders als die anderen Kinder und dafür bestimmt Visionär und Anführer zu werden. Die Mutter hingegen glaubte, dass diese Nachricht direkt von Gott kommen musste und zögerte nicht ihrem Sohn nahezulegen, dass er ein Auserwählter sei, bestimmt für eine großartige Zukunft.
Es ist mehr als ein halbes Jahrhundert später und der alte Mugabe ist einer der kontroversesten Persönlichkeiten unserer Zeit. Seit mehr als zwei Jahrzehnten im Amt, zeigt Mugabe immer noch keine Absicht sich aus der Politik zu verabschieden. Während seiner Amtszeit ist die Wirtschaft seines einst so weit entwickelten Landes implodiert, Kriminalität und gewaltsame Übergriffe haben große Teile der weißen Bevölkerung davongejagt und internationale Regierungen haben scharfe Sanktionen erlassen. Simbabwe ist ein Land des Stillstandes. Zwar scheint sich die Situation zu erholen, doch noch immer liegen Hauptverkehrsstrecken und Industrieanlagen größtenteils brach. Noch immer herrscht die Angst vor dem Tyrannen, der sich mit aller Kraft an seine verbleibende Macht klammert. Anders als im Maghreb gibt es hier keinen Aufstand. Zu groß ist die Loyalität der Einwohner, zu dicht ist das Netzwerk derjenigen, die in Mugabes Gunstkreis stehen.
Heute ist Mugabe 87 Jahre alt. Mittlerweile ist der Präsident gesundheitlich angeschlagen, doch noch immer tritt er öffentlich auf um gegen den westlichen Imperialismus und vergangene Verbrechen zu wettern. Aktuelle Geschehnisse interpretiert der Diktator eigenwillig, indem er Libyen als weit entwickelten, autokratischen Staat und die Nato als terroristische Organisation bezeichnet. Er verweist auf den libyschen Konflikt um in der eigenen Bevölkerung ein Ressentiment gegen den Westen zu schüren. Simbabwe, so der Autokrat, könnte schon bald das nächste Opfer des Westens sein. Es ist die Botschaft, die Mugabe schon seit über zwei Jahrzenten verbreitet, die Haltung, die das Land letztendlich in den Ruin gestürzt hat.
Im afrikanischen Superwahljahr 2012 stehen auch in Simbabwe Wahlen an. Ungeachtet der Situation im Land will Mugabe sich wieder zur Wahl stellen. Zur Wahl, die schon seit Jahrzehnten keine mehr ist. Gut möglich ist auch, dass Mugabe es schaffen wird, die Wahlen hinauszuzögern, indem er auf einer bereits angekündigten Verfassungsänderung besteht. Solange Mugabe sich nicht aus dem öffentlichen Leben zurückzieht, werden Verfassung und Wahlen ohnehin kaum eine Rolle spielen. Die Opposition in Form des Movement for Democratic Change (MDC) ist in die Ecke gedrängt, in der Bevölkerung werden politische Themen kaum thematisiert - zu groß ist die Angst vor den repressiven Methoden des autokratischen Herrschers, der einst noch als Befreier und Volksheld gefeiert wurde.
Wenn 2012 Wahlen in Simbabwe stattfinden, wird Mugabe im Amt verbleiben. Eine Tragödie, die weltweit kaum einen Vergleich zulässt, wird in die Verlängerung gehen. Doch Mugabe ist nun endgültig alt geworden. Mehr als je zuvor darf das Land hoffen, dass die kommende Legislaturperiode der letzte Akt eines totalitären Herrschers sein wird, dem eigene Visionen schon immer mehr bedeutet haben als das Schicksal seiner Mitmenschen. Was nach Mugabe kommen wird, vermag noch niemand zu sagen. Doch auch Pessimisten dürften nicht bestreiten, dass es im Grunde nur bergauf gehen kann. (Text und Foto © JLaufs)
Datum:
17.12.11
1 Kommentar(e)
Es ist das Jahr 1934 und auf den ersten Blick verrät die Situation nicht viel mehr als das Bild eines jungen Ziegenhirten im südlichen Afrika. Aber in diesem Blick sieht der junge auf und lässt seinen Blick über den Horizont schweifen. In seinen Augen liegt der Glanz unersättlichen Eifers. Der Junge verbreitet eine Aura der Entschlossenheit, die ungewöhnlich ist für einen Jungen seines Alters. Während die anderen Jungen im Dorf Fußball spielen, hat er die Einsamkeit gesucht. Tag um Tag wird er hier hinaus kommen, über die Ziegen wachen und Bücher lesen, die ihm mehr bedeuten, als persönliche Beziehungen.
Der Junge ist der zehnjährige Robert Mugabe. Geboren 1924 in einer Jesuitenmission in einem Land, das heute als Simbabwe bekannt ist, wuchs Mugabe in einfachen aber beschützten Verhältnissen auf. Verlassen von seinem Vater, wurde er bald von den lokalen Missionaren in Obhut genommen. Diese ungewöhnliche Konstellation gewährte Mugabe schon früh den Zugang zu Bildung. Wissenshungrig und mit ausgeprägter Selbstdisziplin, lernte Mugabe schneller als andere Kinder. Der irische Priester O´Hea wurde zeitgleich Mentor und Vaterfigur für den jungen Mugabe. Dessen ungewöhnliches Talent sowie seine Fähigkeit Einfluss auf andere Kinder auszuüben erkennend, erzog O`Hea Mugabe schon früh zum Lehrer. Mugabes Mutter versicherte er, ihr Junge sei anders als die anderen Kinder und dafür bestimmt Visionär und Anführer zu werden. Die Mutter hingegen glaubte, dass diese Nachricht direkt von Gott kommen musste und zögerte nicht ihrem Sohn nahezulegen, dass er ein Auserwählter sei, bestimmt für eine großartige Zukunft.
Politik | Machtstrukturen
Es ist früher Nachmittag und die Sonne drückt ihr volles Gewicht auf die braune Erde des Zvimba-Distrikts in Rhodesien. Als habe die Hitze auch die letzten Quellen der Energie ausgesaugt, wirkt die Szenerie still wie eine Fotografie. Kaum in Bewegung hat eine kleine Herde Ziegen Schutz im Schatten eines der wenigen Bäume gesucht. Den Rücken an den Baum gelehnt, sitzt ein kleiner Junge inmitten der Herde. Sein Blick fixiert das Buch, das er in seinem Schoß hält. Seiner Umgebung schenkt er kaum Aufmerksamkeit.
Es ist früher Nachmittag und die Sonne drückt ihr volles Gewicht auf die braune Erde des Zvimba-Distrikts in Rhodesien. Als habe die Hitze auch die letzten Quellen der Energie ausgesaugt, wirkt die Szenerie still wie eine Fotografie. Kaum in Bewegung hat eine kleine Herde Ziegen Schutz im Schatten eines der wenigen Bäume gesucht. Den Rücken an den Baum gelehnt, sitzt ein kleiner Junge inmitten der Herde. Sein Blick fixiert das Buch, das er in seinem Schoß hält. Seiner Umgebung schenkt er kaum Aufmerksamkeit.
Es ist das Jahr 1934 und auf den ersten Blick verrät die Situation nicht viel mehr als das Bild eines jungen Ziegenhirten im südlichen Afrika. Aber in diesem Blick sieht der junge auf und lässt seinen Blick über den Horizont schweifen. In seinen Augen liegt der Glanz unersättlichen Eifers. Der Junge verbreitet eine Aura der Entschlossenheit, die ungewöhnlich ist für einen Jungen seines Alters. Während die anderen Jungen im Dorf Fußball spielen, hat er die Einsamkeit gesucht. Tag um Tag wird er hier hinaus kommen, über die Ziegen wachen und Bücher lesen, die ihm mehr bedeuten, als persönliche Beziehungen.
Der Junge ist der zehnjährige Robert Mugabe. Geboren 1924 in einer Jesuitenmission in einem Land, das heute als Simbabwe bekannt ist, wuchs Mugabe in einfachen aber beschützten Verhältnissen auf. Verlassen von seinem Vater, wurde er bald von den lokalen Missionaren in Obhut genommen. Diese ungewöhnliche Konstellation gewährte Mugabe schon früh den Zugang zu Bildung. Wissenshungrig und mit ausgeprägter Selbstdisziplin, lernte Mugabe schneller als andere Kinder. Der irische Priester O´Hea wurde zeitgleich Mentor und Vaterfigur für den jungen Mugabe. Dessen ungewöhnliches Talent sowie seine Fähigkeit Einfluss auf andere Kinder auszuüben erkennend, erzog O`Hea Mugabe schon früh zum Lehrer. Mugabes Mutter versicherte er, ihr Junge sei anders als die anderen Kinder und dafür bestimmt Visionär und Anführer zu werden. Die Mutter hingegen glaubte, dass diese Nachricht direkt von Gott kommen musste und zögerte nicht ihrem Sohn nahezulegen, dass er ein Auserwählter sei, bestimmt für eine großartige Zukunft.
Es ist mehr als ein halbes Jahrhundert später und der alte Mugabe ist einer der kontroversesten Persönlichkeiten unserer Zeit. Seit mehr als zwei Jahrzehnten im Amt, zeigt Mugabe immer noch keine Absicht sich aus der Politik zu verabschieden. Während seiner Amtszeit ist die Wirtschaft seines einst so weit entwickelten Landes implodiert, Kriminalität und gewaltsame Übergriffe haben große Teile der weißen Bevölkerung davongejagt und internationale Regierungen haben scharfe Sanktionen erlassen. Simbabwe ist ein Land des Stillstandes. Zwar scheint sich die Situation zu erholen, doch noch immer liegen Hauptverkehrsstrecken und Industrieanlagen größtenteils brach. Noch immer herrscht die Angst vor dem Tyrannen, der sich mit aller Kraft an seine verbleibende Macht klammert. Anders als im Maghreb gibt es hier keinen Aufstand. Zu groß ist die Loyalität der Einwohner, zu dicht ist das Netzwerk derjenigen, die in Mugabes Gunstkreis stehen.
Heute ist Mugabe 87 Jahre alt. Mittlerweile ist der Präsident gesundheitlich angeschlagen, doch noch immer tritt er öffentlich auf um gegen den westlichen Imperialismus und vergangene Verbrechen zu wettern. Aktuelle Geschehnisse interpretiert der Diktator eigenwillig, indem er Libyen als weit entwickelten, autokratischen Staat und die Nato als terroristische Organisation bezeichnet. Er verweist auf den libyschen Konflikt um in der eigenen Bevölkerung ein Ressentiment gegen den Westen zu schüren. Simbabwe, so der Autokrat, könnte schon bald das nächste Opfer des Westens sein. Es ist die Botschaft, die Mugabe schon seit über zwei Jahrzenten verbreitet, die Haltung, die das Land letztendlich in den Ruin gestürzt hat.
Im afrikanischen Superwahljahr 2012 stehen auch in Simbabwe Wahlen an. Ungeachtet der Situation im Land will Mugabe sich wieder zur Wahl stellen. Zur Wahl, die schon seit Jahrzehnten keine mehr ist. Gut möglich ist auch, dass Mugabe es schaffen wird, die Wahlen hinauszuzögern, indem er auf einer bereits angekündigten Verfassungsänderung besteht. Solange Mugabe sich nicht aus dem öffentlichen Leben zurückzieht, werden Verfassung und Wahlen ohnehin kaum eine Rolle spielen. Die Opposition in Form des Movement for Democratic Change (MDC) ist in die Ecke gedrängt, in der Bevölkerung werden politische Themen kaum thematisiert - zu groß ist die Angst vor den repressiven Methoden des autokratischen Herrschers, der einst noch als Befreier und Volksheld gefeiert wurde.
Wenn 2012 Wahlen in Simbabwe stattfinden, wird Mugabe im Amt verbleiben. Eine Tragödie, die weltweit kaum einen Vergleich zulässt, wird in die Verlängerung gehen. Doch Mugabe ist nun endgültig alt geworden. Mehr als je zuvor darf das Land hoffen, dass die kommende Legislaturperiode der letzte Akt eines totalitären Herrschers sein wird, dem eigene Visionen schon immer mehr bedeutet haben als das Schicksal seiner Mitmenschen. Was nach Mugabe kommen wird, vermag noch niemand zu sagen. Doch auch Pessimisten dürften nicht bestreiten, dass es im Grunde nur bergauf gehen kann. (Text und Foto © JLaufs)
Wahlen in Simbabwe 2012: Tragödie, letzter Akt
Urteil der Angst
Gesellschaft | Denkanstoß
Wenn Beten den Schulfrieden stört, dann darf es an einer Schule nicht stattfinden. So urteilte das Bundesverwaltungsgericht jüngst im Fall um ein Berliner Gymnasium. Doch das Urteil ist ein dramatischer Schritt in die falsche Richtung. Nicht die richterliche Entscheidung selbst ist das Problem, sondern die Beurteilung über die Auswirkung des Betens auf den Schulfrieden.
![]() |
| Foto: Gianni Dominici CC BY-ND 2.0 |
Beten an sich ist ein friedlicher Vorgang. Objektiv beurteilt ist Beten ein innerliches Gespräch, die Beschäftigung mit dem Selbst, ein Moment der Ruhe. Im Gegensatz zu Muslimen beten Christen wesentlich unauffälliger. Doch das heißt nicht, dass sie es nicht tun, immer und überall, wo sie sich danach fühlen. Auch an Schulen. Nur ein Muslim braucht mehr Platz und einen Ort der Ruhe, er fällt auf, wenn er betet.
Aber kann das friedliche und stille Beten einen Schulfrieden ernsthaft stören? Wie kann einem Schüler die Ausübung eines völlig friedlichen Rituals an seiner Schule verboten werden? Während meiner Schulzeit hatte ich keinerlei Einschränkungen, ich konnte zwischen den Unterrichtsstunden tun und lassen, was ich wollte. Warum sollte das für einen Muslim nicht gelten?
Am Gymnasium im Berliner Stadtteil Wedding war davon die Rede, dass wohlmöglich zu viele dem Beispiel eines betenden Klassenkameraden folgen würden. Doch seit wann wird Beten als eine ansteckende Krankheit angesehen? Wenn ich auf dem Pausenhof anfange Basketball zu spielen, dann besteht auch Ansteckungsgefahr. Trotzdem hat niemand die Befürchtung, die Schule müsse neue Turnhallen bauen, wenn ich weitere Schüler sportlich ansteckte. Das Thema verlangt mehr als nur simple Analogien, doch diese helfen auf der Suche nach den richtigen Maßstäben.
Das Urteil wird dazu führen, dass unzählige Muslime versteckt beten müssen. Vielleicht in Gedanken, vielleicht hinter verschlossener Tür auf der Schultoilette. Welche Demütigung und Einschränkung das bedeuten muss, kann ich mir nur annähernd vorstellen. Aus Demütigung und Verbot kann sich schlicht keine positive Dynamik in diesen Jugendlichen entwickeln.
Letztendlich steckt im aktuellen Urteil auch viel Angst. Die Angst vor der Fremde im eigenen Land. Die Angst davor, von einer fremden Kultur überrannt zu werden und an eigenem Enfaltungsfreiraum einzubüßen. Doch Angst entscheiden zu lassen ist ein großer Fehler. Wir müssen erkennen, dass jeder unserer Mitbürger ein uneingeschränktes Recht auf die Ausübung persönlicher Rituale hat, solange diese niemanden gefährden oder direkt einschränken. Ein Muslim muss an seiner Schule beten dürfen.
Datum:
30.11.11
0
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Gesellschaft | Denkanstoß
Wenn Beten den Schulfrieden stört, dann darf es an einer Schule nicht stattfinden. So urteilte das Bundesverwaltungsgericht jüngst im Fall um ein Berliner Gymnasium. Doch das Urteil ist ein dramatischer Schritt in die falsche Richtung. Nicht die richterliche Entscheidung selbst ist das Problem, sondern die Beurteilung über die Auswirkung des Betens auf den Schulfrieden.
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| Foto: Gianni Dominici CC BY-ND 2.0 |
Beten an sich ist ein friedlicher Vorgang. Objektiv beurteilt ist Beten ein innerliches Gespräch, die Beschäftigung mit dem Selbst, ein Moment der Ruhe. Im Gegensatz zu Muslimen beten Christen wesentlich unauffälliger. Doch das heißt nicht, dass sie es nicht tun, immer und überall, wo sie sich danach fühlen. Auch an Schulen. Nur ein Muslim braucht mehr Platz und einen Ort der Ruhe, er fällt auf, wenn er betet.
Aber kann das friedliche und stille Beten einen Schulfrieden ernsthaft stören? Wie kann einem Schüler die Ausübung eines völlig friedlichen Rituals an seiner Schule verboten werden? Während meiner Schulzeit hatte ich keinerlei Einschränkungen, ich konnte zwischen den Unterrichtsstunden tun und lassen, was ich wollte. Warum sollte das für einen Muslim nicht gelten?
Am Gymnasium im Berliner Stadtteil Wedding war davon die Rede, dass wohlmöglich zu viele dem Beispiel eines betenden Klassenkameraden folgen würden. Doch seit wann wird Beten als eine ansteckende Krankheit angesehen? Wenn ich auf dem Pausenhof anfange Basketball zu spielen, dann besteht auch Ansteckungsgefahr. Trotzdem hat niemand die Befürchtung, die Schule müsse neue Turnhallen bauen, wenn ich weitere Schüler sportlich ansteckte. Das Thema verlangt mehr als nur simple Analogien, doch diese helfen auf der Suche nach den richtigen Maßstäben.
Das Urteil wird dazu führen, dass unzählige Muslime versteckt beten müssen. Vielleicht in Gedanken, vielleicht hinter verschlossener Tür auf der Schultoilette. Welche Demütigung und Einschränkung das bedeuten muss, kann ich mir nur annähernd vorstellen. Aus Demütigung und Verbot kann sich schlicht keine positive Dynamik in diesen Jugendlichen entwickeln.
Letztendlich steckt im aktuellen Urteil auch viel Angst. Die Angst vor der Fremde im eigenen Land. Die Angst davor, von einer fremden Kultur überrannt zu werden und an eigenem Enfaltungsfreiraum einzubüßen. Doch Angst entscheiden zu lassen ist ein großer Fehler. Wir müssen erkennen, dass jeder unserer Mitbürger ein uneingeschränktes Recht auf die Ausübung persönlicher Rituale hat, solange diese niemanden gefährden oder direkt einschränken. Ein Muslim muss an seiner Schule beten dürfen.
Urteil der Angst
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Religion
Zur Lage in Syrien - November 2011
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| Leben wie im Krieg, Syrien 2011 - Foto: Saleem - Homsi CC BY 2.0 |
Politik | Fakten
Titelstories kann es immer nur wenige geben, der Platz in Print- sowie Onlinemedien ist schließlich stark limitiert. So steht jeder Redakteur vor einem Dilemma - es muss priorisiert werden, was in der Realität keinen Vergleich kennt. Einige Geschehnisse müssen als brisanter eingestuft werden, als andere. Auf diese Weise hat die inzwischen international vertretene Occupy-Bewegung, etwas erreicht, das sie nicht im Ansatz beabsichtigt hatte: Sie nimmt den arabischen Ländern, in denen schon seit dem Frühling blutige Kämpe toben, die Sichtbarkeit. Der Protest ist jetzt auf unseren Straßen angekommen und richtet sich gegen die Übermacht der Banken, gegen eine von oben aufgesetzte Demokratie und schlimmstenfalls gegen "das System" als ganzes. Dieser Protest ist in Kombination mit der aktuellen Krise der Europäischen Union so raumfüllend, dass nur wenig Platz für Empathie mit der arabischen Welt bleibt.
Nichtsdestotrotz ist die Krise in einigen Ländern schlimmer als zuvor. Human Rights Watch lenkt mit einem aktuellen Bericht die Aufmerksamkeit auf Syrien. Die Menschenrechtsbeobachter müssen schockiert sein, von dem, was sie in Syrien beobachtet haben. Der Bericht mit dem aussagekräftigen Titel "Wir leben wie im Krieg" fängt unverblümt mit einer Aufzählung der Fakten an: 3.100 Tote, unzählige Verletzte, Festnahmen und Folter, veranlasst durch den Staat.
Es ist schwer diesen Zahlen Bedeutung zuzumessen. Doch man mag sich nur einmal vorstellen, wie wir hier in Deutschland reagieren würden, wenn auch nur ein einziger Protestler umkommen würde.
Angegriffen wurden die Demonstranten von syrischen Sicherheitskräften (mukhabarat), bewaffneten pro-Regierungs Milizen und teilweise direkt vom syrischen Militär oder der Polizei. Die Regierung von Präsident al-Assad begründet das repressive Vorgehen mit der Einschätzung, dass terroristische Gruppierungen, aus dem Ausland geschickt und gesponsert, gezielt Anschläge verüben. Dazu veröffentlichte die Regierung eine Liste von 53 Sicherheitskräften, die allein in Homs bei Anschlägen umgekommen sein sollen. In Syrien ansässige Menschenrechtsorganisationen vertreten den Standpunkt, dass es sich in den meisten dieser Fälle um Tötungen aus den eigenen Reihen handelt, ausgeführt etwa bei Befehlsverweigerung.
Relativ hilflos mutet der Aufruf an, den Human Rights Watch an die syrische Regierung richtet: Die Regierung solle unmittelbar den Einsatz von exzessiver und tödlicher Gewalt gegen Demonstranten und andere Personen durch Sicherheitskräfte beenden.
Es macht derzeit nicht den Anschein, als führten die überwiegend friedlichen Proteste in Syrien zu einer für alle akzeptierbaren Lösung. Im Gegenteil. Sanktionen internationaler Regierungen kommen leider nur schleppend in Gang. Immerhin verhängte die Europäische Union inzwischen Reiseverbote, verbot den Import syrischen Öls und kündigte jüngst das Einfrieren von bestimmten Vermögen an. Auf Ebene der Vereinten Nationen scheitern angestrebte diplomatische Lösungen hingegen an der Zurückhaltung Chinas und Russlands. Bezeichnend ist darüber hinaus, dass sich Indien, Brasilien und Südafrika (IBSA) den beiden Großmächten anschlossen.
Einzige Hoffnungsschimmer bleibt ein Konsens der Arabischen Liga. Fast ausnahmslos wendeten sich die Länder von Marokko bis Jemen von ihrem einstigen Verbündeten ab (Jemen stimmte zusammen mit dem Libanon gegen die Resolution, während sich die Vertreter aus Bagdad enthielten). Der Schritt Syrien künftig von allen Treffen der Arabischen Liga auszuschließen und politische sowie wirtschaftliche Sanktionen anzustreben, folgte einem Friedensplan, der am 2. November vorgelegt wurde, dem jedoch ein immer verschärfteres Vorgehen gegen die Demokratiebewegung Syriens folgte.
Die Mühlen der Diplomatie mahlen langsam, quälend langsam für alle Beteiligten. Einzig die syrische Regierung gewinnt Zeit zur Verfolgung ihrer eigensinnigen und tödlichen Ziele. Auch wenn es für viele schon zu spät ist, wird es Zeit, dass wir unser Augenmerk wieder auf die wirklichen Krisenherde des Planeten richten. In Europa wird für mehr soziale Gerechtigkeit gekämpft, in Syrien für das fundamentale Recht auf Freiheit.
Datum:
13.11.11
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Politik | Fakten
Titelstories kann es immer nur wenige geben, der Platz in Print- sowie Onlinemedien ist schließlich stark limitiert. So steht jeder Redakteur vor einem Dilemma - es muss priorisiert werden, was in der Realität keinen Vergleich kennt. Einige Geschehnisse müssen als brisanter eingestuft werden, als andere. Auf diese Weise hat die inzwischen international vertretene Occupy-Bewegung, etwas erreicht, das sie nicht im Ansatz beabsichtigt hatte: Sie nimmt den arabischen Ländern, in denen schon seit dem Frühling blutige Kämpe toben, die Sichtbarkeit. Der Protest ist jetzt auf unseren Straßen angekommen und richtet sich gegen die Übermacht der Banken, gegen eine von oben aufgesetzte Demokratie und schlimmstenfalls gegen "das System" als ganzes. Dieser Protest ist in Kombination mit der aktuellen Krise der Europäischen Union so raumfüllend, dass nur wenig Platz für Empathie mit der arabischen Welt bleibt.
Nichtsdestotrotz ist die Krise in einigen Ländern schlimmer als zuvor. Human Rights Watch lenkt mit einem aktuellen Bericht die Aufmerksamkeit auf Syrien. Die Menschenrechtsbeobachter müssen schockiert sein, von dem, was sie in Syrien beobachtet haben. Der Bericht mit dem aussagekräftigen Titel "Wir leben wie im Krieg" fängt unverblümt mit einer Aufzählung der Fakten an: 3.100 Tote, unzählige Verletzte, Festnahmen und Folter, veranlasst durch den Staat.
Es ist schwer diesen Zahlen Bedeutung zuzumessen. Doch man mag sich nur einmal vorstellen, wie wir hier in Deutschland reagieren würden, wenn auch nur ein einziger Protestler umkommen würde.
Der neue Bericht setzt sich mit den Konflikten auseinander, die speziell im Gouvernement Homs stattgefunden haben. Alleine in diesem zentral gelegenen Teil Syriens kamen laut HRW mindestens 793 Menschen ums Leben. Wie wichtig es ist, dass Syrien wieder Thema der Öffentlichkeit wird, verdeutlicht die Statistik. Während die Berichterstattung nach der ersten Welle des arabischen Frühlings weitgehend abschwächte, haben die Konflikte neue Höhepunkte erreicht. Mit 207 getöteten Zivilisten, starben im September so viele Menschen in Homs, wie nie zuvor im andauernden Konflikt. Augenzeugen berichten von Angriffen ohne Vorwarnung auf friedliche Demonstrationen.
Angegriffen wurden die Demonstranten von syrischen Sicherheitskräften (mukhabarat), bewaffneten pro-Regierungs Milizen und teilweise direkt vom syrischen Militär oder der Polizei. Die Regierung von Präsident al-Assad begründet das repressive Vorgehen mit der Einschätzung, dass terroristische Gruppierungen, aus dem Ausland geschickt und gesponsert, gezielt Anschläge verüben. Dazu veröffentlichte die Regierung eine Liste von 53 Sicherheitskräften, die allein in Homs bei Anschlägen umgekommen sein sollen. In Syrien ansässige Menschenrechtsorganisationen vertreten den Standpunkt, dass es sich in den meisten dieser Fälle um Tötungen aus den eigenen Reihen handelt, ausgeführt etwa bei Befehlsverweigerung.
Relativ hilflos mutet der Aufruf an, den Human Rights Watch an die syrische Regierung richtet: Die Regierung solle unmittelbar den Einsatz von exzessiver und tödlicher Gewalt gegen Demonstranten und andere Personen durch Sicherheitskräfte beenden.
Es macht derzeit nicht den Anschein, als führten die überwiegend friedlichen Proteste in Syrien zu einer für alle akzeptierbaren Lösung. Im Gegenteil. Sanktionen internationaler Regierungen kommen leider nur schleppend in Gang. Immerhin verhängte die Europäische Union inzwischen Reiseverbote, verbot den Import syrischen Öls und kündigte jüngst das Einfrieren von bestimmten Vermögen an. Auf Ebene der Vereinten Nationen scheitern angestrebte diplomatische Lösungen hingegen an der Zurückhaltung Chinas und Russlands. Bezeichnend ist darüber hinaus, dass sich Indien, Brasilien und Südafrika (IBSA) den beiden Großmächten anschlossen.
Einzige Hoffnungsschimmer bleibt ein Konsens der Arabischen Liga. Fast ausnahmslos wendeten sich die Länder von Marokko bis Jemen von ihrem einstigen Verbündeten ab (Jemen stimmte zusammen mit dem Libanon gegen die Resolution, während sich die Vertreter aus Bagdad enthielten). Der Schritt Syrien künftig von allen Treffen der Arabischen Liga auszuschließen und politische sowie wirtschaftliche Sanktionen anzustreben, folgte einem Friedensplan, der am 2. November vorgelegt wurde, dem jedoch ein immer verschärfteres Vorgehen gegen die Demokratiebewegung Syriens folgte.
Die Mühlen der Diplomatie mahlen langsam, quälend langsam für alle Beteiligten. Einzig die syrische Regierung gewinnt Zeit zur Verfolgung ihrer eigensinnigen und tödlichen Ziele. Auch wenn es für viele schon zu spät ist, wird es Zeit, dass wir unser Augenmerk wieder auf die wirklichen Krisenherde des Planeten richten. In Europa wird für mehr soziale Gerechtigkeit gekämpft, in Syrien für das fundamentale Recht auf Freiheit.
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| Leben wie im Krieg, Syrien 2011 - Foto: Saleem - Homsi CC BY 2.0 |
Politik | Fakten
Titelstories kann es immer nur wenige geben, der Platz in Print- sowie Onlinemedien ist schließlich stark limitiert. So steht jeder Redakteur vor einem Dilemma - es muss priorisiert werden, was in der Realität keinen Vergleich kennt. Einige Geschehnisse müssen als brisanter eingestuft werden, als andere. Auf diese Weise hat die inzwischen international vertretene Occupy-Bewegung, etwas erreicht, das sie nicht im Ansatz beabsichtigt hatte: Sie nimmt den arabischen Ländern, in denen schon seit dem Frühling blutige Kämpe toben, die Sichtbarkeit. Der Protest ist jetzt auf unseren Straßen angekommen und richtet sich gegen die Übermacht der Banken, gegen eine von oben aufgesetzte Demokratie und schlimmstenfalls gegen "das System" als ganzes. Dieser Protest ist in Kombination mit der aktuellen Krise der Europäischen Union so raumfüllend, dass nur wenig Platz für Empathie mit der arabischen Welt bleibt.
Nichtsdestotrotz ist die Krise in einigen Ländern schlimmer als zuvor. Human Rights Watch lenkt mit einem aktuellen Bericht die Aufmerksamkeit auf Syrien. Die Menschenrechtsbeobachter müssen schockiert sein, von dem, was sie in Syrien beobachtet haben. Der Bericht mit dem aussagekräftigen Titel "Wir leben wie im Krieg" fängt unverblümt mit einer Aufzählung der Fakten an: 3.100 Tote, unzählige Verletzte, Festnahmen und Folter, veranlasst durch den Staat.
Es ist schwer diesen Zahlen Bedeutung zuzumessen. Doch man mag sich nur einmal vorstellen, wie wir hier in Deutschland reagieren würden, wenn auch nur ein einziger Protestler umkommen würde.
Angegriffen wurden die Demonstranten von syrischen Sicherheitskräften (mukhabarat), bewaffneten pro-Regierungs Milizen und teilweise direkt vom syrischen Militär oder der Polizei. Die Regierung von Präsident al-Assad begründet das repressive Vorgehen mit der Einschätzung, dass terroristische Gruppierungen, aus dem Ausland geschickt und gesponsert, gezielt Anschläge verüben. Dazu veröffentlichte die Regierung eine Liste von 53 Sicherheitskräften, die allein in Homs bei Anschlägen umgekommen sein sollen. In Syrien ansässige Menschenrechtsorganisationen vertreten den Standpunkt, dass es sich in den meisten dieser Fälle um Tötungen aus den eigenen Reihen handelt, ausgeführt etwa bei Befehlsverweigerung.
Relativ hilflos mutet der Aufruf an, den Human Rights Watch an die syrische Regierung richtet: Die Regierung solle unmittelbar den Einsatz von exzessiver und tödlicher Gewalt gegen Demonstranten und andere Personen durch Sicherheitskräfte beenden.
Es macht derzeit nicht den Anschein, als führten die überwiegend friedlichen Proteste in Syrien zu einer für alle akzeptierbaren Lösung. Im Gegenteil. Sanktionen internationaler Regierungen kommen leider nur schleppend in Gang. Immerhin verhängte die Europäische Union inzwischen Reiseverbote, verbot den Import syrischen Öls und kündigte jüngst das Einfrieren von bestimmten Vermögen an. Auf Ebene der Vereinten Nationen scheitern angestrebte diplomatische Lösungen hingegen an der Zurückhaltung Chinas und Russlands. Bezeichnend ist darüber hinaus, dass sich Indien, Brasilien und Südafrika (IBSA) den beiden Großmächten anschlossen.
Einzige Hoffnungsschimmer bleibt ein Konsens der Arabischen Liga. Fast ausnahmslos wendeten sich die Länder von Marokko bis Jemen von ihrem einstigen Verbündeten ab (Jemen stimmte zusammen mit dem Libanon gegen die Resolution, während sich die Vertreter aus Bagdad enthielten). Der Schritt Syrien künftig von allen Treffen der Arabischen Liga auszuschließen und politische sowie wirtschaftliche Sanktionen anzustreben, folgte einem Friedensplan, der am 2. November vorgelegt wurde, dem jedoch ein immer verschärfteres Vorgehen gegen die Demokratiebewegung Syriens folgte.
Die Mühlen der Diplomatie mahlen langsam, quälend langsam für alle Beteiligten. Einzig die syrische Regierung gewinnt Zeit zur Verfolgung ihrer eigensinnigen und tödlichen Ziele. Auch wenn es für viele schon zu spät ist, wird es Zeit, dass wir unser Augenmerk wieder auf die wirklichen Krisenherde des Planeten richten. In Europa wird für mehr soziale Gerechtigkeit gekämpft, in Syrien für das fundamentale Recht auf Freiheit.
Zur Lage in Syrien - November 2011
Labels:
Arabische Liga,
Konflikt,
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Menschenrechte,
Politik,
Protest,
Revolution,
Syrien
Freiheit heißt Rücksicht - Fundstück der Woche
"Wenn ich nicht weiß und du nicht weißt, was Freiheit heißt, wofür haben wir dann gelebt?"
Zur Abwechslung hier ein wirklich beeindruckendes Fundstück. Ganz egal, ob man nun Fan der Söhne Mannheims ist oder nicht, in diesem Song stecken wirklich tolle Aussagen über einen scheinbar universellen Traum der Menschheit: Freiheit. Beeindruckend ist auch das Bildmaterial. Einfach mal reinhören.
Datum:
25.10.11
1 Kommentar(e)
"Wenn ich nicht weiß und du nicht weißt, was Freiheit heißt, wofür haben wir dann gelebt?"
Zur Abwechslung hier ein wirklich beeindruckendes Fundstück. Ganz egal, ob man nun Fan der Söhne Mannheims ist oder nicht, in diesem Song stecken wirklich tolle Aussagen über einen scheinbar universellen Traum der Menschheit: Freiheit. Beeindruckend ist auch das Bildmaterial. Einfach mal reinhören.
Freiheit heißt Rücksicht - Fundstück der Woche
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