Gesellschaft | Denkanstoß
Es gibt eine Vision. Die von einer Welt ohne Gewinner und Verlierer. Von einer gerechten Welt und allgemeinem Wohlstand. Es ist die Vorstellung einer Welt, die sich auf das Wesentliche besinnt: Zugang zu Lebensraum und Sicherheit. Denn unabhängig davon, wo wir aufgewachsen sind, unabhängig von dem, was wir erlebt haben, im Grunde wollen wir alle nur eines: überleben und das möglichst gut.
Der Kapitalismus als Instrument
Da wir realisieren müssen, dass wir von diesem Ziel gegenwärtig kaum weiter entfernt sein könnten, gerät der Kapitalismus zusehends unter Beschuss. Doch wird dabei oft das wahre Wesen des Kapitalismus übersehen. Denn dieser ist keineswegs ein allumfassendes System, dem wir alle unterliegen. Vielmehr ist es ein von uns Menschen erdachtes und aufrecht erhaltenes Instrument zur Erreichung unserer Ziele.
Um nicht den Zyklen der Natur zu unterliegen, haben wir uns die Natur zu eigen gemacht. Wir begannen zu jagen und zu sammeln und schließlich damit Pflanzen zu kultivieren und Tiere zu züchten. Es wurde Überschuss produziert und Vorräte angelegt. Zum ersten Mal gab es eine Form von Sicherheit, durch die wir den zyklischen Launen der Natur überlegen waren.
Menschen konnten überleben auch dann, wenn die klimatischen Bedingungen über längere Zeiträume hinweg dafür ungeeignet waren oder wenn die die Jagt einmal nicht erfolgreich war. Auf diese Sicherheit bauend konnte der Mensch sesshaft werden. Seine individuellen Fähigkeiten erkennend, begann er zu handeln. Der Bauer wusste, dass er keine Zeit zum Jagen hatte und der Jäger erkannte, dass ihm die Kenntnisse der Landwirtschaft fehlten. Beide konzentrierten sich voll auf ihre Fähigkeiten, wissend, dass sie einen Überschuss produzieren würden, den sie anschließend einfach tauschen konnten.
Damit dieser Handel auch zeitversetzt und über weite Distanzen funktionieren konnte, wurden Währungen eingeführt. Die ersten Vorläuger von ihnen werden auf das 3. Jahrhundert vor Christus datiert. Das Instrument des Kapitalismus war geschaffen. Es hat sich bisher im Wesen kaum verändert. Noch heute tauschen wir Waren gegen andere Waren oder Bargeld. Doch das Instrument ist zentraler Bestandteil eines ganzen Systems geworden, der Finanzwirtschaft.
Das Streben nach Wachstum
Der Kapitalismus hat somit seinen Zweck erfüllt. Er hat es der Menscheit erstmalig erlaubt, sich über die grundlegenden Gesetze der Natur hinwegzusetzen. Menschen konnten sich niederlassen und darauf vertrauen, dass sie ein wohlhabendes Leben führen würden, solange sie produktiv tätig waren.
Doch für diesen neuen Wohlstand kennzeichnend war, dass man ihn auf der einen Seite gänzlich verlieren und auf der anderen Seite zu seinem individuellen Vorteil ausbauen konnte. Wer also besonders viel produzierte oder besonders gut handelte, konnte sich einer noch größeren Sicherheit und eines noch größeren Wohlstands erfreuen. Die schleichende Erfindung des Kapitalismus als Instrument hat somit zu einem grundlegenden Paradigmenwechsel geführt. Nicht länger trachtete der Mensch nach dem unmittelbaren Überleben, sondern nach Wachstum. Sicherheit versprach das Leben nur dann, wenn man sich und seine Position gegenüber anderen stetig verbesserte. Es reichte nicht länger, einen Platz in der Gesellschaft einzunehmen und die damit verbundenen Aufgaben nach bestem Gewissen zu erledigen. Fortan galt es aufzusteigen, der Mensch definierte sich nicht mehr durch seine Person selbst, sondern durch seine relative Position gegenüber einem immer weiter gefassten Umfeld.
Gleiches galt alsdann auch für Staaten. Nur ständiges Wachstum sollte Stabilität sichern können. Zu Machiavellis Zeiten bedeutete das vor allem die Expansion von Staatsgebieten. Nur so lange, als dass sich Konflikte an den Staatsgrenzen abspielten, konnte innerer Frieden gewahrt werden. Das Wachstumsdogma hat bis heute Bestand. Doch durch den weltweiten Siegeszug der Diplomatie haben sich die Fronten verschoben. Derzeit geht es weniger um die Ausweitung geographischer Grenzen, sondern um Wachstum im ökonomischen Sinne. Nur so lange, wie Ökonomien wachsen, kann bestehender Wohlstand gewahrt werden.
Angekommen auf dem Scheitelpunkt
Die Theorie des wirtschaftlichen Wachstums hat eine langfristige Perspektive. Experten wie Jefferey Sachs vertreten die Meinung, dass Wachstum kein Nullsummenspiel sei. Sprich, wirtschaftliches Wachstum in einem Teil der Erde bedeutet nicht zwangsläufig die Rezession für einen anderen Teil.
In der Tat kann wirtschaftliches Wachstum den allgemeinen Wohlstand verbessern. Das tut es vor allem dann, wenn zuvor ungenutzte Ressourcen aktiviert werden. Ein gutes Beispiel ist Bildung. Erst durch Bildung wird es vielen Menschen ermöglicht, Arbeit aufzunehmen. Brach liegendes Potential wird also aktiviert, aus einem Bedürftigen wird ein Produzent und der allgemeine Wohlstand steigt.
Doch dieses Szenario funktioniert heute nur noch sehr eingeschränkt. Vor allem in entwickelten Ländern, wo Beschäftigungslosigkeit eine nebensächliche Rolle spielt und fast niemand wirklich mittellos sein muss, stößt das Prinzip an seine Grenzen. Entwickelte Ökonomien sind mittlerweile auf einem Scheitelpunkt angelangt. In ihrer Gesamtheit produzieren sie eine solche Vielfalt an Produkten und bieten eine solche Vielfalt an Dienstleistungen, wie sie von den Menschen kaum noch konsumiert werden können. Wachstum bestand bisher darin, dass immer mehr Menschen sich erlauben konnten immer mehr Produkte und Diensleistungen zu konsumieren. Dieses rasante Wachstum entwickelte sich aber ungeachtet der ungleich langsamer verlaufenden Evolution des Menschen. Sprich, die Aufnahmefähigkeiten des Menschen hat sich nicht annähernd so schnell erweitern können, wie die Angebots- und Informationsvielfalt sich entwickelt hat. Der Mensch ist an die Grenzen seiner Aufnahmefähigkeit gestoßen, wirtschaftlich gesehen also an die Grenzen des Wachstums.
Der beste Beweis für die wachsende Diskrepanz zwischen der Aufnahmefähigkeit der Menschen und dem Wachstum der Ökonomien ist die aktuelle Staatsverschuldung vieler entwickelten Staaten. Denn längst ist an jeden Euro Wachstum auch ein Euro Verschuldung gekoppelt. Im Zeitraum von 2000 bis 2006 wuchs das deutsche Bruttoinlandsprodukt um 354 Milliareden Euro, zeitgleich die Verschuldung aber um 342 Milliarden Euro. Das heißt im Klartext, dass es zwar auf dem Papier Wachstum gegeben hat, aber nicht in der Realität. Nicht die Menschen haben mehr Produkte und Dienstleistungen nachgefragt, sondern der Staat durch Aufnahme immer neuer Schulden. Jüngst forderte diese Fehlpolitik der letzten Jahrzente ihre ersten Opfer und wie Dominosteine fielen eine Reihe bisher als stabil geltenden Wirtschaftssysteme in sich zusammen.
Ökonomische Perspektiven für unsere Enkel
Die jüngsten Entwicklungen machen uns deutlich, dass wir zu weit gerannt sind, stetig auf der Suche nach immer neuen Quellen des Wachstums. Dabei ist es ein Wachstum, das wir schon längst gar nicht mehr nötig haben. Vor über 80 Jahren gab sich einer der bekanntesten Ökonomen unserer Zeit als Visionär. John Maynard Keynes schrieb 1930 einen Aufsatz über die "ökonomischen Perspektiven für unsere Enkel". Darin prognostizierte er, dass in etwa einhundert Jahren ein allgemeiner Wohlstand erreicht sein würde, mit dem sich die Menschheit zufrieden geben könne.
Keynes unterschied zwischen Grundbedürfnissen der Menschen und Bedürfnissen, die darüber hinaus gehen. Keynes argumentierte, dass durch den anhaltenden technischen Fortschritt ein Wirtschaftssystem erreicht werden könne, dass von Überfluss gekennzeichnet sei und tatsächliche menschliche Arbeit überflüssig mache. Nur wem es darum ginge mehr als seine überlebenswichtigen Bedürfnisse zu befriedigen und sich in seinem Wohlstand von seinen Mitmenschen deutlich abzusetzen, der müsse weiterhin aktiv daran arbeiten. In einem Anflug von Realismus schob Keynes ein: "[..] we have been trained too long to strive and not to enjoy." Zu lange, also, haben wir Menschen uns daran gewöhnt zu leisten und nicht zu genießen. Auch Keynes sah im Wachstumsprinzip ein Dogma, das nur schwerlich zu überwinden ist.
Eine Welt ohne Wachstumsprinzip
Die Enkel Keynes sind wir. Heute ist klar, dass der Ökonom zu optimistisch gerechnet hatte. Noch ist eine Welt des allgemeinen Wohlstandes nicht in Sicht. Vielmehr teilt sich die Welt in drei Teile auf. In Regionen des Überflusses, wie etwa Europa oder Nordamerika, sich rasant entwickelnde Regionen, wie etwa Teile Asiens und Lateinamerikas und in Regionen der Stagnation, wie weite Teile Afrikas. Ungeachtet der Ursachen dieser Kontraste ist klar, dass wir noch nicht an einem Punkt angelangt sind, für den Keynes prognostizierte, wir könnten uns gemütlich zurücklehnen und höchstens dann arbeiten, wenn wir denn unbedingt eine Beschäftigung bräuchten um glücklich zu sein.
Doch nimmt man die Situation in den wohlhabenden Ländern, zu denen zweifelsohne auch Deutschland gehört, für sich, so wird klar, dass wir den Scheitelpunkt bereits überschritten haben. Schon lange muss es nicht mehr um weiteren Wachstum gehen, sondern um eine bessere Verteilung. Unweigerlich werden wir das in den nächsten Jahrzehnten begreifen. Doch der Paradigmenwechsel wird Zeit in Anspruch nehmen und nicht annähernd so schnell von statten gehen, wie es vielen Systemkritikern heute recht wäre. Allzu gefestigt sind unsere aktuellen Organisations- und Anreizsysteme, die allesamt auf dem Wachstumsprinzip basieren. Es geht um mehr Geld, um mehr Macht und um mehr Ansehen. Nicht um mehr Gerechtigkeit oder mehr Rücksicht. Nur langsam erhalten alternative Faktoren zur Erfolgsmessung Einzug in unsere Gesellschaft.
Im Grunde ist es nicht neu, wenn wir fordern, dass es nicht länger nur noch um Wachstum und Bereicherung gehen darf. Es ist eine Vision, die uns schon lange begleitet. Neu hingegen ist die Vielfalt unserer Möglichkeiten. Ab sofort könnten wir auf weiteren Wachstum in unserer westlichen Welt verzichten ohne dabei wesentlichen Wohlstand einbüßen zu müssen. Dabei geht es aber nicht um die Abschaffung des Kapitalismus. Denn dieser ist ohnehin nicht mehr als ein simples Instrument zur Vereinfachtung des Handels. Es geht darum, wie wir dieses Instrument einsetzen. Wenn wir es schafften, uns auf das Wesentliche zu konzentrieren und auf Übefluss jeder Art zu verzichten, dann würden wir schon bald das erreichen, was Keynes für seine Enkel prognostiziert hatte: Eine Welt des allgemeinen Wohlstandes.
Von der Philosophie zur Realität
Leichtfertig könnte man die Theorie einer neuen, nicht von Wachstum geprägten, Lebensphilosophie als Wunschdenken, ja gar als romantische Utopie abtun. Ängstlich könnte man auch vor einer Wiederauflage des totalitären Sozialismus oder vor allgemeiner Faulheit warnen. Doch es reicht ein Blick in den Spiegel unserer Gesellschaft um zu erkennen, wie falsch wir derzeit mit dem Wunsch nach Wachstum liegen und wie einfach der Verzicht auf ebendiesen wirklich ist. In Selbstreflektion müssen wir erkennen, dass materieller Fortschritt wenig mit Wohlstand zu tun hat.
Nicht selten geben wir unser Geld heute für Trends aus, in denen wenig echter Fortschritt zu erkennen ist. So zahlen wir etwa für den Unterschied zwischen Bildröhre und Flachbildschirm. Für zusätzliche Gigahertz, von denen wir nicht einmal wissen, was sie bedeuten. Für zusätzliche km/h oder Fettreduzierung in fetthaltigen Speisen. Für Moden, die darauf angelegt sind so schnell zu verschwinden, wie sie aufgekommen sind.
Welchen Anteil unseres Gehalts geben wir heute noch für grundlegene Bedürfnisse aus? Einen verschwindend geringen. Ein viel wesentlicher Anteil geht auf Dinge, die wir zwar nicht brauchen, über die wir uns aber definieren wollen. Wann haben wir damit angefangen unser Lebensglück darüber zu definieren, wie gestochen scharf unser Fernsehbilschirm Filme wiedergibt? Der Schlüssel liegt in der Einsicht, dass auch die Generationen vor uns ohne all diese modernen Innovationen gut gelebt haben. Nicht besser, aber eben auch nicht schlechter. (Foto © JLaufs)