Internet | Von Wert & Moral
Das Phänomen der falschen Identitäten ist wohl so alt wie die moderne Zivilisation. Doch das Zeitalter des Internets hat sie zur Normalität gemacht. Zu Information gehört nicht länger ein Gesicht und noch viel weniger eine Stimme, die sie überliefert. Aus medialen Informationsschnipseln im Internet bilden sich heute Persönlichkeiten, nicht umgekehrt.
So geschehen im Fall der syro-amerikanischen Bloggerin Amina Abdallah Arraf al-Omar. Ihre Geburtsstunde war der 21. Februar 2011. Zunächst ist es nur ein simpler Blogeintrag, einer unter den Abermillionen, die täglich weltweit produziert werden um meist weitgehend unbemerkt in den Archiven des Webs zu verschwinden. Doch der Blog von Amina Abdallah blieb nicht lange unbemerkt, denn er traf den Nerv der Zeit. Er war die Goldgrube für diejenigen Journalisten, die auf der schwerlichen Suche nach Stimmen des Arabischen Frühlings waren. Paradoxerweise wurde mit Amina Abdallah etwas zum Gesicht der Revolution stilisiert, das gar keines hat. Denn nach knapp vier Monaten ist der Spuk vorbei und alles was bleibt von einer Sensationsbloggerin ist die Gewissheit einem Phantom aufgesessen zu sein. Die syrische Lehrerin ist ein amerikanischer Student, ihre Berichte nichts als Fiktion.
Wahrscheinlich krasser als je zuvor, zeigt dieser Fall das Potential von falschen Identitäten. Es handelt sich nicht um die Abänderung des eigenen Namens, wie es in sozialen Netzwerken gang und gäbe ist, meist zum Schutz der eigenen Persönlichkeit. Es handelt sich auch nicht um eine vorgetäuschte reale Identität, wie die des twitternden Franz Müntefering im Jahr 2008. Es handelt sich stattdessen um die Kreation einer neuen Identität, vielmehr um die bewusste Vortäuschung einer Existenz.
In Zeiten, in denen sich das Internet zu eine Wolke von Nutzer-generiertem Inhalt wandelt, ist dies ein ebenso kinderleichter wie gängiger Trick. Identitäten werden geschaffen und wieder aufgelöst in einem Tempo, das es Beobachtern erschwert Wirklichkeit von Fiktion zu unterscheiden. Wenn, wie jetzt geschehen, ein fiktiver Charakter nicht Fiktion bleibt, sondern den Sprung in die Wirklichkeit schafft und zur aktiven Meinungsbildung beiträgt, dann stellt sich die Frage:
Natürlich lässt sich hier nach der Rigorosität der Identitätstäuschung unterscheiden sowie völlig unterschiedliche Intentionen zu Grunde liegen mögen. Somit mag die Argumentation naheliegen, dass eine allgemeingültige Antwort nicht formuliert werden kann. Doch ungeachtet dieser Differenzierung gibt es einen Faktor, der die Möglichkeit der eindeutigen Antwort suggeriert: Die Dynamik der online Kommunikation.
Mehr als jedes andere Medium zuvor stattet das Internet Informationen mit ungeheuren Eigendynamiken aus. Wo einst brisante Neuigkeiten von Person zu Person getragen wurden, nicht umsonst spricht man von Lauffeuern, setzten heute programmierte Automatiken ein und Nachrichten erreichen Massenpublika, ohne dass sich ein einzelner dafür einsetzen müsste. Im Umkehrschluss bedeutet dies aber auch, dass die Verbreitung von Information heute von niemandem mehr zu kontrollieren ist, schon gar nicht von einzelnen Nutzern des Internets, ungeachtet davon ob ihre Aussagen die Kettenreaktion ursprünglich auslöste oder nicht. Kurz gesagt kann sich niemand sicher sein, wie bestimmte Aussagen, die auf der weltweiten Plattform des Internets publik gemacht werden, aufgefasst und interpretiert werden.
Wie der Fall von damascusgaygirl.blogspot.com gezeigt hat, ist das Internet in seiner jetzigen Form unreif. Es behandelt echte und vorgetäuschte Identitäten völlig gleich, die Validierung von Informationen findet nicht durch persönliche Beziehungen sondern durch die Mobilisierung von Massen statt. Wer es schafft oft genug zitiert zu werden hat Einfluss, auch wenn er nicht existiert.
Genau das ist jetzt Tom MacMaster, sofern dieser Name der des wirklichen Urherbers des Blogs ist, zum Verhängnis geworden. Mobilisiert durch sein Interesse am Konflikt in Syrien sowie den Reiz Aufmerksamkeit zu erregen, hat er etwas geschaffen, das er schon bald nicht mehr kontrollieren konnte. Nun schreibt er dieses Ausmaß der Aufmerksamkeit nie erwartet zu haben, der Besucherzähler seines Blogs nähert sich mit über fünfzig Besuchern minütlich im Eiltempo der ersten Millionen. Sein Ziel Aufmerksamkeit auf den Konflikt in Syrien zu lenken, hat MacMaster effizienter erreicht, als er jemals gedacht hätte. Doch letztlich lieferte er den Medien alles andere als die Wahrheit, sondern lediglich die Rechtfertigung für das Verfassen der Texte, die westliche Journalisten ohnehin schon vorgefertigt in ihren Köpfen hatten.
Natürlich hat er mit diesem Ansturm nicht gerechnet, niemand hätte damit rechnen können. Und gerade aus diesem Grund sollten wir alle mehr Respekt vor dem Internet haben, dessen Potential wir noch nicht einmal annähernd verstehen. Als Kommunikationsplattform für ein weltweites Publikum ist es für den Einzelnen kaum noch berechenbar und daher der falsche Ort für Experimente mit der anonymen Meinungsbildung. Gerade dann, wenn es sich um einen laufenden Konflikt dreht, der nicht nur polarisiert, sondern auch Existenzen bedroht. MacMaster konnte nicht ahnen welche Lawine er in Gang setzte, doch gerade das hätte er wissen müssen.
Das Phänomen der falschen Identitäten ist wohl so alt wie die moderne Zivilisation. Doch das Zeitalter des Internets hat sie zur Normalität gemacht. Zu Information gehört nicht länger ein Gesicht und noch viel weniger eine Stimme, die sie überliefert. Aus medialen Informationsschnipseln im Internet bilden sich heute Persönlichkeiten, nicht umgekehrt.
So geschehen im Fall der syro-amerikanischen Bloggerin Amina Abdallah Arraf al-Omar. Ihre Geburtsstunde war der 21. Februar 2011. Zunächst ist es nur ein simpler Blogeintrag, einer unter den Abermillionen, die täglich weltweit produziert werden um meist weitgehend unbemerkt in den Archiven des Webs zu verschwinden. Doch der Blog von Amina Abdallah blieb nicht lange unbemerkt, denn er traf den Nerv der Zeit. Er war die Goldgrube für diejenigen Journalisten, die auf der schwerlichen Suche nach Stimmen des Arabischen Frühlings waren. Paradoxerweise wurde mit Amina Abdallah etwas zum Gesicht der Revolution stilisiert, das gar keines hat. Denn nach knapp vier Monaten ist der Spuk vorbei und alles was bleibt von einer Sensationsbloggerin ist die Gewissheit einem Phantom aufgesessen zu sein. Die syrische Lehrerin ist ein amerikanischer Student, ihre Berichte nichts als Fiktion.
Wahrscheinlich krasser als je zuvor, zeigt dieser Fall das Potential von falschen Identitäten. Es handelt sich nicht um die Abänderung des eigenen Namens, wie es in sozialen Netzwerken gang und gäbe ist, meist zum Schutz der eigenen Persönlichkeit. Es handelt sich auch nicht um eine vorgetäuschte reale Identität, wie die des twitternden Franz Müntefering im Jahr 2008. Es handelt sich stattdessen um die Kreation einer neuen Identität, vielmehr um die bewusste Vortäuschung einer Existenz.
In Zeiten, in denen sich das Internet zu eine Wolke von Nutzer-generiertem Inhalt wandelt, ist dies ein ebenso kinderleichter wie gängiger Trick. Identitäten werden geschaffen und wieder aufgelöst in einem Tempo, das es Beobachtern erschwert Wirklichkeit von Fiktion zu unterscheiden. Wenn, wie jetzt geschehen, ein fiktiver Charakter nicht Fiktion bleibt, sondern den Sprung in die Wirklichkeit schafft und zur aktiven Meinungsbildung beiträgt, dann stellt sich die Frage:
Ist die Vortäuschung einer Identität im Internet legitimes Mittel der Selbstverwirklichung oder leichtsinniges Spiel mit Macht, der ein einzelner Mensch nicht gewachsen ist?
Natürlich lässt sich hier nach der Rigorosität der Identitätstäuschung unterscheiden sowie völlig unterschiedliche Intentionen zu Grunde liegen mögen. Somit mag die Argumentation naheliegen, dass eine allgemeingültige Antwort nicht formuliert werden kann. Doch ungeachtet dieser Differenzierung gibt es einen Faktor, der die Möglichkeit der eindeutigen Antwort suggeriert: Die Dynamik der online Kommunikation.
Mehr als jedes andere Medium zuvor stattet das Internet Informationen mit ungeheuren Eigendynamiken aus. Wo einst brisante Neuigkeiten von Person zu Person getragen wurden, nicht umsonst spricht man von Lauffeuern, setzten heute programmierte Automatiken ein und Nachrichten erreichen Massenpublika, ohne dass sich ein einzelner dafür einsetzen müsste. Im Umkehrschluss bedeutet dies aber auch, dass die Verbreitung von Information heute von niemandem mehr zu kontrollieren ist, schon gar nicht von einzelnen Nutzern des Internets, ungeachtet davon ob ihre Aussagen die Kettenreaktion ursprünglich auslöste oder nicht. Kurz gesagt kann sich niemand sicher sein, wie bestimmte Aussagen, die auf der weltweiten Plattform des Internets publik gemacht werden, aufgefasst und interpretiert werden.
Wie der Fall von damascusgaygirl.blogspot.com gezeigt hat, ist das Internet in seiner jetzigen Form unreif. Es behandelt echte und vorgetäuschte Identitäten völlig gleich, die Validierung von Informationen findet nicht durch persönliche Beziehungen sondern durch die Mobilisierung von Massen statt. Wer es schafft oft genug zitiert zu werden hat Einfluss, auch wenn er nicht existiert.
Genau das ist jetzt Tom MacMaster, sofern dieser Name der des wirklichen Urherbers des Blogs ist, zum Verhängnis geworden. Mobilisiert durch sein Interesse am Konflikt in Syrien sowie den Reiz Aufmerksamkeit zu erregen, hat er etwas geschaffen, das er schon bald nicht mehr kontrollieren konnte. Nun schreibt er dieses Ausmaß der Aufmerksamkeit nie erwartet zu haben, der Besucherzähler seines Blogs nähert sich mit über fünfzig Besuchern minütlich im Eiltempo der ersten Millionen. Sein Ziel Aufmerksamkeit auf den Konflikt in Syrien zu lenken, hat MacMaster effizienter erreicht, als er jemals gedacht hätte. Doch letztlich lieferte er den Medien alles andere als die Wahrheit, sondern lediglich die Rechtfertigung für das Verfassen der Texte, die westliche Journalisten ohnehin schon vorgefertigt in ihren Köpfen hatten.
Natürlich hat er mit diesem Ansturm nicht gerechnet, niemand hätte damit rechnen können. Und gerade aus diesem Grund sollten wir alle mehr Respekt vor dem Internet haben, dessen Potential wir noch nicht einmal annähernd verstehen. Als Kommunikationsplattform für ein weltweites Publikum ist es für den Einzelnen kaum noch berechenbar und daher der falsche Ort für Experimente mit der anonymen Meinungsbildung. Gerade dann, wenn es sich um einen laufenden Konflikt dreht, der nicht nur polarisiert, sondern auch Existenzen bedroht. MacMaster konnte nicht ahnen welche Lawine er in Gang setzte, doch gerade das hätte er wissen müssen.