Eine Absage an Facebook

Internet | Zukunft
Facebook, die unumstrittene Marktmacht im Social Media Geschäft, soll also im ersten Quartal des kommenden Jahres mit einer möglichen Bewertung von 100 Milliarden US Dollar an die Börse gehen. So zumindest lautet die viel zitierte Meldung des Nachrichtensenders CNBC vom 13. Juni (Artikel). Das ist nicht nur locker ein Vielfaches der meisten traditionellen DAX oder NASDAQ Unternehmen, sondern auch ein Vielfaches von Facebook selbst, verglichen mit Einschätzungen, die nur wenige Monate zurückliegen. Erst vor einem Jahr, im Juni 2010, war die Website bzw. Facebook Inc. mit 23 Milliarden Dollar bewertet worden. Noch im Januar diesen Jahres schien das soziale Netzwerk dann einen unglaublichen Sprung hinzulegen, als Goldman Sachs einstieg und den Wert auf 50 Milliarden US Dollar schnellen lies. Doch nach einer erneuten Verdopplung des prognostizierten Wertes erscheint dieser Sprung nahezu mickrig.

Der Versuch an dieser Stelle mit den Einschätzungen von Goldman und Co. zu konkurrieren oder diesen gar zu widersprechen, wäre vergebens. Doch die Lektüre verschiedener Beiträge zu dem Thema macht deutlich, dass diejenigen, die den Hype um Facebook vorangetrieben haben, spätestens jetzt den Grund unter den Füßen verloren haben. Das Verhalten von Facebook und seinen Teilhabern gleicht geradezu dem einer Gruppe von Revolutionskämpfern, die unverhofft an die Macht kommen und im Siegestaumel berauscht von den neuen Möglichkeiten den Kontakt zur Basis verlieren: dem Volk. Denn auch in der Diskussion um Facebook wird weitgehend vernachlässigt, diejenigen zu fragen, die den Erfolg des Netzwerkes nicht nur maßgeblich, sondern ausschließlich ausmachen, die Nutzer. Den inzwischen 700 Millionen Facebook Nutzern steht ein mickriges Team von 2000 Mitarbeitern gegenüber, ein Verhältnis von dem andere Firmen nur träumen können. Längst ist Facebook nicht mehr nur eine Kommunikationsplattform für den privaten Kontakt, immer mehr Unternehmen versuchen mit teils äußert kreativen Ansätzen die Macht des Netzwerkes für eigene Marketingzwecke zu nutzen. Letzterer Trend hat maßgeblich zu der rekordebrechenden Bewertung des sozialen Netzwerkes beigetragen.

Doch all diejenigen, die sich das große Geschäft mit Facebook erhoffen, nicht nur beim Börsengang im nächsten Jahr, sondern auch langfristig, übersehen eine wichtige Tatsache.
Nicht Facebook selbst hat sich fest in der Mitte der Gesellschaft etabliert, sondern das Phänomen der sozialen Medien. Zum derzeitigen Zeitpunkt ist es kaum denkbar, dass die Entwicklung noch einmal eine Kehrtwende macht und Medien wieder so statisch und der Informationsfluss so einseitig wird, wie er noch vor wenigen Jahren war. Eine Welt ohne Facebook, andererseits, ist nicht nur vorstellbar, sondern auch sehr wahrscheinlich. Zumindest Rupert Murdoch dürfte ein Freund vorsichtigerer Einschätzungen geworden sein, kaufte er noch im Jahr 2005 MySpace für eine Rekordsumme von 580 Millionen US Dollar um es in diesem Jahr für 30 Millionen US Dollar abzustoßen; eine mickrige Summe, die von Resignation auf ganzer Linie, wenn nicht gar von Panik, zeugt.

Für einen direkten Vergleich mit MySpace ist es zu früh. Doch schenkt man den Recherchen von Inside Facebook Glauben (Artikel), so kann sich Facebook nicht länger auf uneingeschränktes Wachstum verlassen. Innerhalb nur eines Monats, im Mai diesen Jahres, soll die Gesamtzahl der aktiven Nutzer in den USA um ganze 6 Millionen gesunken sein und auch in Kanada sank die Nutzerzahl deutlich. Die Tatsache, dass das Netzwerk weiterhin ein positives Wachstum seiner Mitgliedszahlen verbuchen konnte, ist weniger beruhigend, als sie klingt. Dieses Wachstum ist vornehmlich bedingt durch Zuwachs in Ländern wie Brasilien und Indien, Märkte, die das Unternehmen schlichtweg später erschlossen hat. Die Rückgänge, sollten sie sich in den kommenden Monaten wiederholen, sind also Zeuge eines neuen Trends: Der Hype um Facebook flaut ab. Die große Aufregung ist vorbei und Nutzer besinnen sich wieder auf die wesentlichen Vorteile von Social Media Angeboten, wie die leichte Kontaktaufnahme und die Möglichkeit eigene Inhalte im Handumdrehen öffentlich zugänglich zu machen. Mit diesen Funktionen hatte Facebook das Internet einst im Eiltempo revolutioniert, doch längst haben andere Angebote nachgezogen. 

Zeit wird es auch für eine neue Revolution. Das einst so spannend interaktive Facebook scheint beinahe schon zu statisch für die heutigen Anforderungen geworden zu sein. Das Netzwerk ist in sich geschlossen, Informationen fließen leicht hinein, doch nehmen eigentlich nie den umgekehrten Weg. Facebook will mehr sein als eine bloße Website, man bekommt geradezu den Eindruck, Facebook verstünde sich als das neue Synonym des Internets. Damit konkurriert das Unternehmen direkt mit Google und hat die Suchmaschine zumindest in Nutzungszeiten bereits überholt, wie ein viel zitierter Bericht von comScore aufzeigt.

Was bleibt ist das Rätsel der schwindenden Nutzerzahlen in den Ländern, in denen Facebook zuerst Fuß gefasst hat. Doch für mich ist dies viel weniger ein Rätsel als ein klares Zeichen dafür, dass Facebook einen umfassenden Richtungswechsel braucht um einem möglichen Abwärtstrend zuvorzukommen. Das Netzwerk will zu viel auf einmal, die Herrschaft über die Gesamtheit der Webnutzer anstelle der Bündelung von sinnvollen Funktionen. Während der soziale Sog weiterhin seine Wirkung zeigt und die Nutzerzahlen trotz nicht unbedeutender Rückschläge steigen, verkommen die Pinnwände der Nutzer zu Ansammlungen von Informationsmüll, Freundeslisten werden so lang, dass sie nicht nur unüberschaubar, sondern zur Last werden und das Netzwerk ist vermehrt beliebtestes Ziel für Spam- und Virusattacken. Die einst so brillanten Funktionen des Netzwerkes gehen unter in der Flut von unnützen Informationen und Funktionen und somit steht Facebook vor einem Ähnlichen Problem wie Google schon seit Jahren: Das Netzwerk braucht die nächste große Innovation um sich seine Vorherrschaft auch für das nächste Jahrzehnt sichern zu können.

Derzeit gibt es für mich aber nur eine logische Konsequenz als Antwort auf die Entwicklung des sozialen  Netzwerkes, das sich nicht auf seine eigentlich Stärke besinnt: Im Hintergrund reale soziale Netzwerke zu stärken anstatt eine neue Schicht der sozialen Interaktion schaffen zu wollen, die allzu oft die Realität verzerrt und mehr Aufwand fordert als sie das tägliche Leben erleichtert.

Heute habe ich meinen Facebook Account gelöscht.