"Die letzten Wochen waren verdammt
turbulent..." schreibt Kai Löffelbein, als ich auf seine Fotos anspreche. Kein Wunder. Als erster deutscher gewann der Fotograf in diesem Jahr den Preis von UNICEF zum Foto des Jahres. Das Bild zeigt einen Jungen im Agbogsbloshie, einem Außenbezirk von Accra. Er trägt ein FC Barcelona-Jersey und stemmt die Bildröhre eines Fernsehers in die Höhe. Im Hintergrund sieht man dichte schwarze Rauchwolken von brennendem Müll aufsteigen. Vielleicht hat der Junge gerade einen Glücksfund gemacht und mit der Bildröhre einen relativ wertvollen Teil Elektroschrott gefunden. Doch sein Gesichtsausdruck ist gleichgültig. So steht der Junge mit Flip-Flops inmitten einer Müllhalde, atmet giftige Rauchschwaden ein und bring zum Ausdruck, was befremdlicher kaum sein könnte: Das hier ist Alltag.
Dass Agbogsbloshie existiert wissen wir schon lange. Oft wird der Ort einfach nur die "Digitale Müllhalde" genannt, oder auch "Sodom und Gomorrah". Rund 40.000 Menschen leben hier. Die meisten von ihnen wohl nicht trotz sondern wegen des Mülls. Aus dörflichen Gegenden kommen sie, getrieben von der gefühlten Alternativlosigkeit, auf der Suche nach Arbeit. So kommt es, dass die Menschen in eine Sackgasse geraten sind. Der Elektroschrott ist illegal und schadet der Gesundheit der vielen Müllsammler, die oft noch Kinder sind. Doch einfach abschaffen kann man die Müllhalde jetzt auch nicht mehr. Viele tausend Familien stünden plötzlich vollkommen ohne Einkommen dar.
Ein weiteres Bild zeigt einen jungen Mann inmitten ausgewählter Elektroteile. Auf einem Tisch hat er Computer-Tastaturen gestapelt und bietet sie offensichtlich zum Verkauf an. Es sind genau die Tastaturen, die von uns in den Industrienationen kurz zuvor aussortiert worden waren. Zu alt, zu dreckig, nicht mehr modern. Die Existenz von Agbogsbloshie zeigt, wie die Politik an ihre Grenzen stößt. Längst ist der Export von Elektroschrott aus unseren Ländern illegal, doch er findet statt, da auf beiden Seiten Geld damit gemacht werden kann.
Wir sehen die Bilder und können dann doch wieder keinen Bezug zu ihnen aufbauen. Zu weit weg ist Ghana, zu stark ist der Kontrast zu unserer Welt. Doch vielleicht hilft ein kleines Experiment. Das nächste Mal, wenn wir einen Elektro-Großmarkt betreten, einen Saturn, oder einen Media Markt etwa und der mächtigen Vielfalt an Elektroartikeln gegenüberstehen, dann sollten wir uns die Bilder in Erinnerung rufen. Die Bilder der schwarzen Rauchschwaden, die Bilder der barfüßigen Kinder in den Scherbenhaufen. Doch was wir brauchen ist kein Mitleid. Stattdessen müssen wir uns eine einzige Frage ernsthaft stellen: Brauchen wir all das hier wirklich? Wozu?
Text: JLaufs / Fotos © Kai Löffelbein


